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In Rotterdam und am Kinderdijk

9. Oktober 2007

Holland wie im Bilderbuch - ein Teil der am Kinderdijk

Und wieder versammelt sich die Fahrgemeinschaft, vereinzelte Teilnehmer vom vorabendlichen "Debriefing" leicht geschwächt, für die morgendliche Routenbekanntgabe. Jeder sucht sich sein Territorium, entfaltet darauf mehr oder weniger aufwändig unterschiedliches Kartenmaterial und spitzt Ohren und Bleistift. Teils auf dem Boden hockend, kniend oder sonstwie über die farbigen Blätter gebeugt, lauschen Fahrer und Navigatoren mehr oder weniger aufmerksam den Ausführungen Ruedis, der die nächsten Fixpunkte bekanntgibt. Während technisch bereits in der Neuzeit Angelangte heftigst ihr Reise-Tamagotchi malträtieren, versuchen die Nostalgiker, den Stabiloboss zwischen die Lippen geklemmt (…hey, weli fftrafff ifff dafff jipfff, gopfff …) sich auf ihrem ausgebreiteten Schnittmusterbogen zurecht zu finden und die gewählte Route in irgend einer verfügbaren Leuchtfarbe nachzuvollziehen. Eigentlich wäre der Ablauf aus dieser Sicht logisch, die Route klar, wenn da nicht wieder diese GPS Fritzen wären, die dank verschiedener Fabrikate und Modelle auf unterschiedliche Varianten kommen würden…. Man einigt sich dieses Mal, der fortgeschrittenen Zeit gehorchend, doch das Stück Autobahn Richtung Rotterdam zu benutzen, weil um 10 Uhr das georderte Boot für die Besichtigung des Rotterdamer Hafens ablegen soll.

Der Reiseführer gibt das Zeichen zum Start und nach kürzester Zeit herrscht draussen vor dem Hotel ein erhebliches Durcheinander von sich in verschiedene Richtungen hin und zurück bewegende Tractions, deren vordergründiges Ziel nur sein kann, sich möglichst weit vorne in einer sich bildenden Kolonne wieder zu finden um nicht zu diesem Zeitpunkt bereits den Anschluss zum Leader zu verlieren. Von unbändigem Reisefieber gepackt (wie Rennpferde in der Startbox – endlich hat der Letzte den Ausgang gefunden…) bewegt sich nun die Spitze des Trosses auf den nächsten Kreisel zu (natürlich darf es auch eine Kreuzung sein…). Dort offenbart sich einem im hinteren Feld befindlichen (Nach)Fahrer das Schauspiel, dass sich die vorhin mühsam formierte Kolonne wieder in einzelne Gruppierungen auflöst, indem sich die vorfahrenden Tractions paketweise auf die nächsten zwei zur Verfügung stehenden Abzweigungen verteilen. Es erinnert den Beobachter etwas an die letzte Figur unserer Fliegerstaffel "Partouille Suisse", als hätte der unsichtbare Commander "Tiger Zero" das Kommando "Attenzione – Finale Grande –Top" gegeben, Gott sei Dank nur in zwei Dimensionen und ohne Leuchtspurgranaten…. Dies bringt einen Tractionisten aus der hinteren Region (ungefähr ab "Tiger cinque"), welcher nicht mit mordernsten Navigationshilfen ausgerüstet ist, in die ungemütliche Lage, dass er innert Sekundenbruchteilen entscheiden muss, ob er jetzt dem dunkelblauen Köfferli- (mit auffälligem CH Schild) oder dem schwarzen Rädli-Modelle folgen soll. "Dran bleiben" ist die Devise, seinen (neuen) Leader ja nicht aus den Augen verlieren, was angesichts der ständig von Gelb auf Rot wechselnden Ampeln nicht immer ein einfaches Unterfangen ist.

Rechtzeitig (den Satelliten seis gedankt) ist die letzte Traction in Rotterdam in der Tiefgarage am Willemsplein verschwunden, ein aufwärmender Eilmarsch zur Anlegestelle (wo isch jitz das h…. Ticket, has doch vorig no grad gha) und Leinen los!. Man lässt auf einer gemütlichen Schifffahrt einen kleinen Teil des grössten Hafens Europas auf sich wirken. Die erläuternden Kommentare ab Band hinken in der Regel zwar immer etwas den vorübergleitenden Realitäten nach (O-Ton: die verwenden halt kein GPS…), geben aber einen vagen Eindruck über die Dimensionen dieses Molochs. Es ist unmöglich, in der zur Verfügung stehenden Zeit nur annähernd einen Ueberblick zu
Heute wird fast alles per Container verschifft
erhalten, trotzdem etwas Zahlenakrobatik gefällig: Länge des Hafens ca 40km, Gesamtfläche 10'500 ha (zum Vergleich, der Zürichsee ist "nur" 8'870 ha gross), Fläche der befahrbaren Wasserstrassen 3'440 ha, Anzahl Terminals 63, davon 11 für Container, Länge aller Anlegestellen 74km, Gesamtumschlag (Ingoing / Outgoing) im Jahr 2006: 378 Mio t (Anteil Schweiz 2,2 Mio t, davon 56% auf dem Wasser, 39% mit der Bahn und 5% auf der Strasse angeliefert/abgeführt), knapp 6 Mio Container (davon ca. 40'000 aus der Schweiz), gesamtes Fassungsvermögen aller Tanks knapp 30 Mio m3 (ca. 85% davon für Erdölprodukte). Im Hafengebiet finden ca. 58'000 Leute Arbeit und Einkommen, Die Infrastruktur umfasst u.A. 344 Krane, davon allein 92 für Container und 10 schwimmend, im Wasser operieren 47 Schlepper und 6 eigene Lotsenboote. Für Schiffsreparaturen stehen insgesamt 14 Trockendocks zur Verfügung, 7 allein als Floating dry dock (das Dock wird geflutet, nach der Einfahrt des Schiffes wieder leergepumpt, nach Abschluss der Arbeiten am Schiffsrumpf wieder mit Wasser gefüllt und das Schiff herausgezogen).

Nach anderthalb Stunden hat man wieder festen Boden unter den Füssen, im Gegensatz zu den Arbeitern, die auf dem Weg zurück in die Tiefgarage affenartig akrobatisch und offensichtlich völlig schwindelfrei daran sind, das Gerüst der Rampe des ersten "BIG AIR" der laufenden Snowboard(!)Saison, Stück für Stück wieder zu demontieren (übrigens, für Insider, der Schweizer Stephan Maurer ist an jenem Event mit einem "backside 720s and huge backflip" Vierter geworden). Das Stapfen durch die dahinschmelzenden Schneeresten verleiht einem ein ganz heimatliche Gefühle, insgeheim hoffend, dass uns solche Wetterkapriolen bis Ende der Reise erspart bleiben mögen.

Nächster Fixpunkt unserer Reise ist das Windmühlenmuseum Kinderdijk, ca. 15 km ausserhalb Rotterdam gelegen, entweder auf dessen Parkplatz oder in einer noch zu bestimmenden Beiz in der Nähe. Es ist natürlich nicht verwunderlich, dass solch unpräzise (Ziel)Angaben für die mitgeführten Reise-Game-Boys völlig unbekömmlich sind und letztere zu unterschiedlichen Routen inspirieren.

Arbeitsmethoden wie in China
Der Interpretationsspielraum der Aussagen des "Froleins aus der Dose" trägt natürlich dazu bei, dass auch dieses Mal nicht alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort eintreffen werden (… "nehmen sie die rechte Spur und bleiben sie links" … gopf, was nun …"versuchen sie zu wenden" – und das mit einer Traction, die mit knapp 100 Sachen auf der Autobahn fräst…). Von biologischen Sachzwängen getrieben trifft man sich schlussendlich in der Gaststätte "De KloK" und ist auch heilfroh, endlich etwas zwischen die Kiemen zu bekommen, weil das kulinarische Angebot auf dem Rundfahrtschiff nicht ganz den Erwartungen entsprochen hat (wo's nix gibt, kannste a nix koofen).
Der Museumsbesuch selber hinterlässt einen völlig anderen Eindruck als das Erlebte vom Vormittag. Die insgesamt neunzehn, in den Jahren 1722 bis 1761 zur Landentwässerung erbauten Windmühlen sind nicht nur ein romantischer Anblick, sie stellen auch ein architekturhistorisches und maschinenbauliches Juwel dar. Einzig die paar Tractionisten, die sich auf die holländischen fietsen schwingen und sich mit überdurchschnittlichem Einsatz der klok van de fietsen den Weg frei machen stören die Idylle ein wenig! Das Gesamtensemble aller Einrichtungen (Deiche, Rückhaltebecken, Pumpstationen, Verwaltungsgebäude und eben
Unsynichronisiert und geradeverzahnt da relativ niedertourig

die neunzehn Windmühlen) wurden 1997 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und unter besonderen Schutz gestellt.

Schade, dass die öffentlich zugängliche "windmolen" leider nicht in Betrieb ist, sie sorgt aber wegen der niedrigen Räume für die nötige Stimmung (woher stammt dieser rote Striemen auf der Stirne wohl?). Während der "niederländischen Mühlentage" sind jeweils viele der Mühlen zu Besichtigungszwecken geöffnet und in Betrieb. In den Sommermonaten Juli und August werden z.B. jeden Samstag die Windmühlensegel gesetzt. Diese Regelung würde übrigens auch für diejenigen holländischen Windmühlen gelten, die von Privaten gekauft und meistens als Weekendhäuschen bewohnt werden, werde aber nicht überall konsequent gelebt (O-Ton Karel Beukema).

Ja, und was sonst noch so alles abging an jenem Tag (Abend):
Nette Gesellschaftsspielchen wie zum Beispiel:

  • wieso muss man(n) in alten Autos 1'000km weit fahren um eine SVP Kravatte zu finden (und sie dann doch nicht zu kaufen), oder…
  • wie erhält man nach dem Tanken eine (black listed) Kreditkarte im Tankstellen-Shop wieder zurück, während der Rest der Reisegesellschaft vor dem Hotel auf den abgängigen Laubfrosch wartet, oder…
  • wie viele verschiedene kulinarische Angebote sind in einer Stadt wie Breda nötig, damit sich die "Patrouille Suisse" möglichst individuell verpflegen kann – hier zeigte sich übrigens wieder einmal mehr die Homogenität der Reisegruppe, indem absolut keine Missstimmung aufkommt, wenn nach kurzer Diskussion ein Teil der Gruppe der mexikanischen (Chili)Küche abschwört und lieber mit Stäbchen "Ho Chi Minh Schotter" futtern möchte, oder…
  • wie bekomme ich eine Traction wieder aus einer geschlossenen Tiefgarage (durch die Ausfahrt natürlich…), oder…
    wie schleppe ich einen dunkelblauen 11er durch die Fussgängerzone, weil das "Frollein aus der Dose" es unbedingt so haben will um das (ihr) Ziel zu erreichen.

Allen genannten Widerwärtigkeiten zum Trotz, sind die Teams schlussendlich wieder vollzählig im Hotel. Während ein Teil auf den gesunden (Vormitternachts)Schlaf setzt, dauert das tägliche "Debriefing" an der Bar bei einzelnen wiederum etwas länger.


Wädi Schmid

Zum Bericht vom 10. Oktober

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