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Lieber Leser,
für den nachfolgenden Artikel hat sich eine ganze Anzahl von möglichen Titeln angeboten.
Die gegenwärtige Rezession ist auch an meinen Bankkonten nicht ganz spurlos vorüber gegangen, so dass „Kontenschwund“ ein passender Titel gewesen wäre. – Klingt ein bisschen nach Bankenkrimi.„Globalisierung“ wäre eine Möglichkeit gewesen. Kaum jemand ist heute in der Lage, die weltweiten wirtschaftlichen Zusammenhänge zu überblicken und zu erklären. So gibt es – um nur ein Beispiel zu nennen, einen direkten Zusammenhang zwischen der Regierungszeit von George W. Bush und dem Spiel am rechten Vorderrad eines Pariser Taxis. Ich werde in meinem Bericht darauf eingehen. Eine weitere Variante hätte heissen können: „Kein Parkplatz in Paris“. Oder „Wirschaftkrise und Garagenmangel“. Schliesslich bin ich – in Anlehnung an eine Spruch von Otto – beim folgenden Titel hängen geblieben:
Allô Taxi! – Allô Piéton!
Bericht und Fotos: Daniel Eberli

Die meisten meiner Clubkameraden kennen mein Interesse für besondere Citroën-
Fahrzeuge und ganz besonders für die Kegresse, die berühmten Halbkettenfahrzeuge
von Citroën. Als vor einiger Zeit auf dem Internet eine Kegresse angeboten wurde, war
es denn auch ein Clubmitglied, welches mich auf das Angebot aufmerksam machte.
Unter http://www.anciennes.net/ gibt es einen riesigen Marktplatz für alte Fahrzeuge, doch Achtung: Es besteht Suchtgefahr! Zum Zeitpunkt, da ich diesen Artikel schreibe,
wird sogar eine Kegresse angeboten: Ein mehr oder weniger komplettes Fahrzeug zum Restaurieren.
Nun, die Vernunft gebot mir, mich zurück zu halten. Hauptgründe waren Platzmangel und das Fehlen eines geeigneten Geländes, um das Vehikel auch wirklich einzusetzen.
Nun ist Vernunft relativ, und ich loggte mich ab und zu aus reiner Neugier mal ein, um die Angebote durch zu gehen. Zufälligerweise stiess ich auf ein ganz besonderes Fahrzeug, und ich zeigte das Bild meiner Angetrauten. Das war vielleicht ein Fehler, den fortan musste ich mir Tag und Nacht anhören, welches die besonderen Vorteile der Karosserie „Landaulet“ sind.
Was blieb mir also anderes übrig, als mich mit dem Verkäufer in Verbindung zu setzen?
Nun, der Preis war nicht gerade ein Schnäppchen, und auch wenn das Auto auf den
Bildern ganz passabel ausschaute, so fiel mir doch auf, dass der Abstand zwischen den
hinteren Kotflügeln kleiner war, als normal. Dies liess auf „durchgerittene“ Bolzen bei der
Aufhängung der Blattfedern schliessen.
Zufälligerweise hatten wir gerade einige Tage Urlaub vor uns. Warum sollten wir nicht
nach Paris fahren, um das Fahrzeug genauer anzuschauen? Schliesslich ist Paris zu
jeder Jahreszeit sehenswert, auch Ende Februar...
Von Benken nach Paris sind es rund 550 Kilometer. Auf Grund der Art und Weise, wie
meine Gemahlin bereits zu Hause von „meinem Auto“ sprach und sich vornahm, bei
Peter Weber Fahrstunden zu nehmen, schien es mir angebracht, gewisse
Vorbereitungsmassnahmen zu treffen. Dazu gehörte das Organisieren eines geeigneten
Anhängers und das wohlweisliche Plündern zweier Sparhefte und der damit
verbundenen Umwandlung in Frankreich-taugliche €uros.
Gerade die zweite Massnahme half mir sehr, den Zusammenhang zwischen
Wirtschaftskrise und dem Schwund von Bankkonten zu verstehen. Hier lag ein konkreter
Fall vor von Rückzug von Spareinlagen und Flucht in Sachwerte. Der eingangs erwähnte
Kontenschwund hat meine Entscheidung nicht unwesentlich erleichtert, aber eben
diesen Schwund verständlicherweise noch beschleunigt.
Bestens gerüstet machten wir uns dann am Donnerstagmorgen auf den Weg Richtung
Frankreich. Dass uns unser GPS über den Ballon d’Alsace führte, wo wir auf Schnee- und
Eis-bedeckter Strasse sogar den Allradantrieb zuschalten mussten, um mit dem
Anhänger hochzukommen, sei nur am Rande erwähnt.
Kurz vor Paris übernachteten wir in einem Lego-Hotel dessen grosser Parkplatz unserem
überlangen Fahrzeug eine geeignete Bleibe bot. Die neuesten Hotels in Frankreich
scheinen tatsächlich überwiegend aus Kunststoff zu sein. – Auch auf dem Rückweg
übernachteten wir in einem solchen Gebäude, dass sich in nichts vom „PolHotel“ der
ersten Nacht unterschied, ausser dass es sich „Formule 1“ nannte und die Nacht € 4.30
mehr kostete.
Zwischen den beiden Übernachtungen gibt es noch einiges zu erzählen.
Am Freitagmorgen führte uns unser GPS nach Champigny sur Marne an die Avenue
Salvador Allende. Dort angekommen, war von unserem Verkäufer, der in den Mails und
am Telefon sehr nett rüber gekommen war, keine Spur zu finden. Immerhin: Per Handy
erfuhren wir, dass er unser Meeting erst um 11 Uhr vorgesehen hatte, während ich 09:30
Uhr notiert hatte. Vielleicht muss ich mir doch Gedanken machen bezüglich meiner
Französisch-Kenntnisse...
Um halb 11 kam er mit seinem Citroën Picasso angebraust, und wir machten uns
bekannt. Henry ist 76 Jahre alt, und das Alter war auch der Grund, um das Auto
auszuschreiben. Er schloss die Garagetür, welche sich um die Ecke befand auf, und wir
standen vor der Rarität: Ein Citroën AC4 Taxi Landaulet von 1929. Natürlich hatte ich
mich vorgängig „schlau“ gemacht. Meine Meinung, dass die Kutschen-ähnlichen
Seitenlampen und die Ballonhupe nicht an dieses Auto gehörten, hatte ich dabei
revidieren müssen. Tatsächlich waren die Taxis in Paris – es sollen etwa 3000 davon
gebaut worden sein, von denen gemäss Aussage von Henri noch 6 bekannt seien – in
bester Kutschenbaumanier aus verblechtem Holz aufgebaut. Das besondere am
angebotenen Fahrzeug war, dass der offene Teil über dem Fahrer wie beim VorgängerModell
B14 Landaulet ohne Dachrahmen und mit halben Vordertüren konstruiert war.
Spätere AC4-Taxis hatten einen festen Dachrahmen und auch ganze Türen.
Nun, bei der Untersuchung des Fahrzeuges stellte ich fest, dass die Achsschenkel Spiel
hatten. Der rechte nicht nur im Millimeter, sondern gleich im Zentimeterbereich.
Und die Federung war praktisch nicht mehr existent, da wie vermutet die Bolzen verschlissen waren. Daneben gab es weitere Mängel, aber nach der kurzen Probefahrt sagten mir die Augen meiner
Frau, dass es um sie geschehen war. So blieb letztlich nur die Preisverhandlung,
um den Schaden in Grenzen zu halten. Da wir, wie erwähnt, letztendlich das Auto aus wirtschaftlichen Gründen (Flucht in Sachwerte)
gekauft haben und im Grunde genommen George W. Bush an der ganzen Wirtschaftskrise Schuld ist, ist damit der globale Zusammenhang zwischen dem ehemaligen Präsidenten von Amerika und dem Spiel am rechten Vorderrad des Pariser Taxis hergestellt. Und so kam es, dass das Taxi auf den Anhänger geladen wurde. Mit dem Anhänger und dem aufgeladenen Fahrzeug kam ein Besuch von Paris nicht mehr in Frage. Wo hätten wir auch parkieren sollen? Selbst wenn wir einen Parkplatz gefunden hätten, wären nachher bestimmt wesentliche Teile des Taxi’s abgeschraubt gewesen. So machten wir uns mit unserer Fuhre auf Richtung Schweiz. Brauche ich noch zu erwähnen, dass uns das erste Clubmitglied bereits vor der Grenze „erwischte“? Es handelte sich um Karl und Ilse Wick aus Säckingen, welche uns auf die Idee brachten, dass wir den Anhänger mit dem AC4 bei ihnen stehen lassen könnten, weil ein Import am Wochenende nicht möglich war.

Dies ist denn auch der nächste Punkt auf unserer Checkliste, und dann geht es darum, einen Garageplatz zu organisieren. – Und damit wäre auch der Zusammenhang zwischen der Wirtschaftskrise und dem Mangel an Garagenplätzen in Benken erwiesen.

Daniel Eberli


P.S. Ich brauche wohl nicht extra zu erwähnen, dass es längere Zeit dauern wird, bis wir mit dem Taxi an einem Treffen auftauchen werden.Ich garantiere jedoch, dass wir dann
auf den Ruf „Allô Taxi!“ reagieren werden!

 
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