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Don Quixote

Lieber Leser,
in meinem letzten Bericht hatte ich eine gewisse Verzweiflung ausgedrückt, weil mein Kampf gegen die Eisenwarenhändler- und Schraubenfabrikanten-Mafia machtlos schien. Die positiven Reaktionen aus der Leserschaft – bis hin zu Lieferungen von Messingschrauben aus dem In- und sogar aus dem Ausland – haben mich jedoch bewogen, weiter zu machen. „Gring ache-n-u seckle“ nennt dies der Sportler, respektive die Sportlerin.
Ich möchte es nicht unterlassen, den netten und tatkräftigen Unterstützern zu danken und möchte dies mit einem Bild eines Pokals zum Ausdruck bringen, den ich vor Jahren einmal für unseren Sohn Florian aus Motorradteilen zusammen geschweisst habe. Es handelt sich – wie könnte es anders sein – um eine Darstellung von Don Quixote.
Mit der Aussage „Der Teufel lauert im Detail“ hat der Volksmund sicher Recht. Lesen Sie selbst, was es – ausser Messingschrauben – noch alles braucht, bis das Taxi auf die Strasse kommt…

 

AC4. Taxi: Fortschritte - Bericht 7

Bericht und Fotos: Daniel Eberli

Noch hält sich die klamme Kälte unerbittlich in meiner Garage, doch einige frühlingshafte Tage treiben mich immer wieder hinaus. Von den Fortschritten ist nicht viel zu sehen, obwohl ich viele Stunden in der Garage und in meiner Werkstatt verbracht habe. Natürlich komme ich nicht voran wie ein Profi, muss ich doch immer wieder meine Vorgehensweise neu überlegen und anpassen.
Seit das Auto wieder bei mir zu Hause steht, habe ich fast die ganze elektrische Verkabelung neu eingebaut. Ganz bewusst bin ich dabei Kompromisse eingegangen. Auf der einen Seite legte ich dabei Wert auf Robustheit und Langlebigkeit, die Installation sollte jedoch auch – dank der Unterteilung in vier abgesicherte Kreise – eine gewisse Wartungsfreundlichkeit und Sicherheit bieten. Aus praktischen Gründen wählte ich zum Teil Kabel, wie sie im Jahre 1929 noch nicht verwendet wurden. Der Optik zuliebe verzichtete ich jedoch auf die Verwendung von Kabelschuhen zum Klemmen. Stattdessen verlötete ich diese wie „Anno dazumal“.
Wie bereits in früheren Berichten erwähnt, machte ich mir die elektrische Anlage selbst keine Sorge, da ich mich auf diesem Gebiet recht sicher fühle. Dass mich viel Arbeit erwarten würde, hatte ich vorausgesehen. Dass es soooo viel sein würde, überraschte mich dann doch etwas…

AC4 Elektrik

Da waren einmal die Probleme mit dem Lichtschalter: Beim Original ist der Lichtschalter in der Nabe des Lenkrades eingebaut, zusammen mit einem doppelten Hupenknopf. Mein Taxi hatte einen Schalter mit 6 Positionen:
1: Aus
2: Standlicht
3. Abblendlicht
4. Fernlicht
5. Ähmmm …
6. ?
Ich versuchte nun, auf einer Position die „Kutschenlampen“ rechts und links der Frontscheibe zu schalten und glaubte auch schon, eine vernünftige Lösung gefunden zu haben. Eingebaut im Auto, musste ich dann aber feststellen, dass bei der Schaltung von Abblendung oder Fernlicht das Standlicht (und damit die Heckbeleuchtung!) nicht brannte. Fazit: Ich zerlegte den Lichtschalter 3 oder 4 Mal, bis ich endlich eine zufrieden stellende Kombination gefunden hatte. Dass auch sonst die Verkabelung nicht ganz so einfach war, ist am Bild von der Verteilung an der Feuerwand zu erkennen. Eigentlich logisch: Zusätzlich zu den „Kutschenlampen“ (siehe dazu die Bilder und den Text des allerersten Taxi-Berichts unter dem Titel „Allô Taxi! – Allô Piéton!“ www.tractionavant.ch/Berichte/2009/Taxi/taxi.php), wollten die Blinkanlage, die Zeiger, die Innenbeleuchtung hinten, die Beleuchtung des Taxameters, die Beleuchtung des Taxischildes, der Scheibenwischer etc. alle mit Strom versorgt werden, und dies aufgeteilt auf vier Sicherungsgruppen.
Beim der Ladekontrolle dienenden Ampèremeter gab’s Schwierigkeiten: Die Muttern für die Befestigung der Kabel haben ein Spezialgewinde. Da die inneren jedoch festsassen, konnte ich kein anderes Gewinde darauf schneiden: Die Bolzen drehten sich mit. Bei den Versuchen riss einer der Drähte im Instrument ab. Ich konnte ihn wieder löten, musste aber feststellen, dass der Zeiger kaum ausschlug. Schliesslich fügte ich einen Schraubenrest in die Spule ein und schuf damit einen Magnetkern. Tatsächlich schlug danach das Instrument sehr viel stärker aus, aber ich mache mir Sorgen wegen des Restmagnetismus. Ich befürchte, dass es zu Fehlanzeigen kommt.
Für ein weiteres Problem musste ich eine Lösung finden: Im Armaturenbrett des Taxis wird, wie auch beim Torpédo, der Öldruck auf mechanischem Weg in Form eines „Schmetterlings“ angezeigt. (Siehe dazu die beiden Berichte „Undichte Öldruckanzeige im AC4“ www.tractionavant.ch/Berichte/Technik/Oeldruck/OeldruckanzeigeAC4.php und „Drucksache II“ www.tractionavant.ch/Berichte/Oeldruckanzeige/DrucksacheII.htm.)
„Wird … angezeigt“ war leider im Fall des Taxis nicht richtig: Das Anzeigeinstrument fehlte vollständig. Zur Zeit ist leider bei keinem der mir bekannten Teilelieferanten Ersatz zu bekommen. Ich beschloss, eine Warnlampe einzubauen, welche bei zu niedrigem Öldruck aufleuchtet. Damit diese Warnlampe an der gleichen Stelle im Instrumentenbrett aufleuchtet, wo der „Schmetterling“ hingehört, klebte ich von hinten eine durchsichtige weisse Folie auf und dahinter eine durchsichtige rote. Damit konnte ich erreichen, dass die Schmetterlingsausschnitte bei genügend Druck weiss sind, bei ungenügendem hingegen rot leuchten. Für den Druckgeber, den ich an einem

Oeldruckanzeige AC4

Teilemarkt erstanden hatte, drehte und feilte ich mir ein Anschlussstück aus Messing, welches ich an der gleichen Stelle anschloss, wo der Vorbesitzer die Öldruckleitung (links im Bild) einfach abgeklemmt und umgefalzt hatte. Dazu bohrte ich in eine passende Schraube ein Längsloch sowie ein Verbindungsloch quer und drehte eine Nut, damit das Öl den Druckgeber auch erreichen konnte. Abgedichtet mit zwei Kupferscheiben, wird die Konstruktion ohne Zweifel ihren Zweck erfüllen.
Ein Problem stellte sich mir bei der Fassung für die Öldruckleuchte: Da der Öldruckgeber über Masse schaltet (der geneigte Leser wird auf dem Bild erkennen, dass es nur einen Kabelanschluss gibt), muss die Lampenfassung isoliert sein, weil sonst entweder die Lampe ständig leuchtet, oder es zu einem Kurzschluss kommt. Ich

Schmiernippelverlängerung

behalf mir mit einem Stück eines 30mm Elektrikerrohres aus Kunststoff sowie Kunststoffschrauben für die Befestigung. Diese Bauart mag vielleicht nicht besonders elegant erscheinen, ermöglicht mir aber jederzeit den Rückbau, wenn wieder originale Öldruckschmetterlinge lieferbar sind…

Unser Taxi hat am Heck am Rahmen eine angeschraubte Verlängerung, auf der ein Abdeckblech und darüber ein schmaler Koffer angebracht sind. Diese Konstruktion führt dazu, dass die Schmiernippel der hinteren Blattfederaufhängung schlecht zugänglich sind. – Möglicherweise war ungenügende Schmierung mit ein Grund, dass die Bolzen so extrem verschlissen waren. Zur Vorbeugung beschloss ich, aus Stangenmaterial an der Drehbank Verlängerungen für die Schmiernippel (System „Telecamit“) zu fertigen.
Nachdem ich inzwischen etwas Übung hatte, war dies keine Hexerei mehr, aber Zeit brauchte ich natürlich trotzdem…
Das Taxi war beim Kauf weder hinten noch vorne mit Stossstangen ausgestattet. Dies

Stossstangen AC4

entspricht dem Original, waren doch beim C4 in den 30-er Jahren Stossstangen nur als Zubehör erhältlich. Zum Schutz des Blechkleides, aber auch der Rücklichter hatte ich mir deshalb je einen Satz Stossstangen gekauft. Was dabei jedoch fehlte, waren die Träger, mit denen diese am Chassis befestigt wurden. Ich verkroch mich in meine Metallwerkstatt und schweisste passende Träger zusammen. Im Zuge dieser Arbeiten stellte ich mir gleich noch die Träger für die hinteren Schlusslichter und Blinker zusammen, die Bögen dazu liess ich mir vom lokalen Dorfschmied biegen. Das nebenstehende Bild zeigt die Teile für das Heck bevor ich sie zum Verzinken gab. – Bilder von den montierten Teilen werde ich im nächsten Bericht beifügen.

Am 1. März fuhren wir mit dem C4 Torpédo nach Winterthur zum Einkaufen. Ich besorgte mir schwingungsdämpfende, selbstklebende Isoliermatten, um die Spritzwand, deren Löcher stark an einen höhlengereiften Emmentaler erinnerten, abzudichten. Obwohl es noch recht kühl war, machte uns die Fahrt – wohlverstanden ohne vordere Seitenfenster – viel Spass. Nicht ganz verstehen konnte ich Agi, die Hemmungen hatte, sich einen ihrer Fuchspelze auf die Schultern zu legen. Ihre Begründung war, dass die Leute komisch schauen könnten. – Als ob das etwas ausmachen würde, wenn man an einem gewöhnlichen Werktag Anfang März mit einem Auto des Jahrganges 1929 einkaufen geht…
Wir brachten bei dieser Gelegenheit gleich die obere Front- und die Seitenscheiben zum Glaser, um neue Scheiben schneiden zu lassen.
Wenn sich ein Laie wie ich an ein solches Projekt wagt, kommen immer wieder Fragen auf, für die er sich an einen versierten Kollegen oder an einen Fachmann wenden muss. Im Bericht 4 www.tractionavant.ch/Berichte/2009/Taxi/taxi5.php hatte ich erwähnt,

Drehbank

dass ich die Befestigung der Hinterachse um 5 cm nach hinten gerückt hatte. Logischerweise war dadurch die Kardanwelle 5 cm zu kurz. Zum Ausgleich drehte ich ein Zwischenstück. Da nach meiner Einschätzung meine für das Bohren der Längslöcher meine Bohrmaschine zu wenig präzise war, wandte ich mich dafür an meinen Nachbar „Jules“, der gelernter Mechaniker ist und eine gut ausgestattete Werkstatt hat.
Davon, dass ich diverses Festmaterial in Metallspäne umwandelte, zeugt das nächste Bild, das mein Altmetallfass zeigt…

Spaehne

Heute habe ich nun die Kardanwelle wieder angeschlossen, den Benzintank und den kompletten Auspuff wieder eingebaut. Bis zum 1. der diesjährigen Reparatur- und Servicekurse bleibt nur noch wenig Zeit. Dann muss das Taxi die Grube freigeben, und dies geht einfacher, wenn es selbst fährt. In den nächsten Tagen werde ich sehen, ob der Motor auch anspringt…

Zu einem weiteren Thema habe ich mir Gedanken gemacht, komme aber ohne die Meinung eines Fachmannes nicht weiter: Auf zeitgenössischen Bildern haben viele der Taxis eine Dachreling, die es erlaubt, Überseekoffer, Hutschachteln etc. auf dem Dach zu transportieren. Meine Frau Agi möchte „so was“ auch haben. In 1. Linie geht es ihr darum, einen Gitterkäfig mit Hühnern mitzuführen. Genau darum dreht sich meine Frage: Stehen die Hühner mit dem Kopf gegen den Fahrtwind und nehmen in Kauf, dass die Augen tränen, oder stehen sie mit dem Hintern voran und riskieren, dass das Federkleid zerzaust wird? Fachkundige Antworten bitte an den Autor…

Nachtrag:
Die 1. Versuche, den Motor zu starten, waren nicht sehr erfolgreich. Zwei, drei Mal war ein sachtes Knallen (eher mit einem Damenfurz zu vergleichen) im Auspuff zu hören, das war’s. Dafür tropfte das Benzin aus dem Vergaser.
Heute (8. März) zerlegte und reinigte ich den Vergaser. Dann überprüfte ich die Zündung nochmals und stellte fest, dass diese überhaupt nicht stimmte. Da beim C4-Motor dank der stehenden Ventile die Stellung der Ventile durch das Kerzenloch gesehen werden kann, richtete ich den Verteiler danach aus. Die alte 6-Volt-Batterie hatte trotz Ladung nicht mehr genügend Kraft, um den Anlasser zu drehen. Ich gab mit einer 12-Volt-Batterie und Überbrückungskabeln einige „Stromstösse“ direkt auf den Anlasser – und schliesslich sprang der Motor zaghaft an. Am Anfang starb er mehrere Male wieder ab, aber nachdem ich den Zündzeitpunkt eingepegelt hatte, lief er im Leerlauf ganz leidlich. Ich konnte dabei sehen, dass der Zündverteiler eine Pendelbewegung machte: Ein Hinweis, dass das Verbindungsstück zur Rotorwelle um 180 Grad versetzt war. Nachdem ich dies korrigiert hatte, und der Motor etwas warm geworden war – der Chellhof war mittlerweile eingenebelt vom „Frühlingsduft“ des Taxis – konnte ich Gas geben, ohne das der Motor abstarb. Die Öldruckanzeige funktionierte, bei der Ladekontrolle war ich mir weniger sicher. Dies braucht noch einige Tests.

Citroen AC4 Taxi

Nach einigen weiteren Einstellungen legte ich den Rückwärtsgang ein und fuhr den Wagen aus der Garage. Endlich war es wieder möglich, den Garageboden zu wischen!
Draussen gelang es mir problemlos, den Motor mit der Kurbel anzuwerfen. Danach fuhr ich – mit Agi auf dem Beifahrersitz - das Auto zurück in die Garage. Ich schaffte es nicht, auf der Fahrstrecke von 12 Metern den zweiten und den dritten Gang zu testen. Immerhin gelang es mir, rechtzeitig vor der hinteren Wand (hinter der, nota bene, der Benkemer Friedhof liegt) anzuhalten!
Wahrlich, ein Schimmer von Morgenröte am Horizont!

 


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