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Im Bäckereimuseum

Rudolf Weber

Bilder von Elisabeth und Rudolf Weber

Der letzte CTAC-Ausflug, organisiert von der Region Süd, stand bekanntlich unter dem Motto "Vom Regen in die Sonne". Beim Anlass Ost am 1. Juli war es teilweise umgekehrt, nämlich "von der Sonne in den Regen". Aber eben nur teilweise. Es hing ganz vom Heimatort der entsprechenden Tractionisten ab. Konnten Luzerner den Treffpunkt am Obersee trocken erreichen, wüteten am Morgen in der Region Bern derartige Unwetter, dass beim Organisationskommittee gleich reihenweise kurzfristige Absagen eintrafen.
Der Reporter, wohnhaft in Effretikon, hatte zuerst den Wetterbericht konsultiert. Dieser kündete für den Morgen – vor allem im Osten – letzte Regenschauer an und dann zunehmend heiteres Wetter, jedoch am Abend wieder vermehrt Regen. Solche Aussagen sind Meteorologen-Deutsch. Im Klartext heisst das "Wir wissen eigentlich auch nicht, wie sich das Wetter entwickelt".
Gut gibt es den Wetterradar. Tatsächlich zeigt dieser eine heftige Regenzone, welche von Westen gegen Zürich hin vorstösst. Wenn man aber deren Geschwindigkeit und Richtung extrapoliert, kann man annehmen, dass diese sich bis zur Abfahrtszeit schon Richtung Bodensee verzogen haben wird.

Das Auto steht also vor dem Haus, aufgetankt und fahrbereit – das Verdeck noch oben, bis die erwartete Regenzone vorbei sein würde. Die Fahrgäste geniessen gerade den Frühstückskaffee als sich der Himmel draussen derart verdunkelt, dass sich die Strassenbeleuchtung einschaltet. Und dann bricht der Krieg los. Ein Rattern und Knallen wie von Maschinengewehren. Ein Dröhnen und Prasseln und plötzlich ist der Balkon weiss. Taubeneier-grosse Hagelkörner fallen vom Himmel und von der Glyzinie am Balkongeländer fallen die Blätter wie im Herbst. Nachdem der erste Schock überwunden ist fährt gleich der zweite ein: Himmel – draussen steht ja das Cabriolet! Kann dieses noch in die Garage gestellt werden? Aber ohne Helm kann man sich fast nicht nach draussen wagen, ein Schirm wäre in Sekunden zerfetzt gewesen. Doch bevor man sich für eine Lösung entscheiden kann, ist der Sturm schon wieder vorbei.
Der Himmel hellt sich auf, so dass wie geplant die Fahrt "oben ohne" stattfinden kann. Doch welch böse Überraschung bietet das Auto. Zwar sind die dicken Karosseriebleche praktisch unbeschädigt und auch das Verdeck hat das Bombardement problemlos überstanden. Doch die verchromten Lampentöpfe der Scheinwerfer haben arge Beulen abbekommen – ein klarer Fall für die Versicherung.


Trotzdem wird eingestiegen und in flotter Fahrt geht es Richtung Schmerikon. Die Ausschreibung dieser Ausfahrt hat eine so grosse Zahl an Interessenten generiert, dass das Hotel am Treffpunkt kapituliert hat, weil es nicht in der Lage ist, über achtzig Tractionisten und Tractionistinnen mit Kaffee und Gipfeli zu versorgen. Glücklicherweise springt das gleich nebenan liegende Strandbad ein, welches Massenandrang gewohnt ist, und sorgt für die Willkommens-Verpflegung. Nicht nur fehlen allerdings, wie oben erwähnt, über zehn Teams, vorwiegend aus dem Bernbiet. Eine ganze Reihe von Fahrern hatte sich entschlossen, ein Citroën-Fahrzeug mit höherer Jahrgangsnummer zu benutzen, da sie ihr kostbares Blech nicht dieser wüsten Witterung aussetzen wollten.


Markus Roth begrüsst die Teilnehmer im Namen des Vorstandes Ost (zusätzlich Werner König und Hans Bollhalder) und verteilt einen perfekten Routenplan. Dieser erweist sich vorwiegend als überflüssig, sind doch an wichtigen Punkten Schalons aufgestellt oder Abzweigungen gar mit Einweis-Posten bemannt. Eine solch perfekte Organisation ist selten und hat zur Folge, dass sich im grossen Tross auf der ganzen Fahrt kein einziger Fahrer verirrt.


Die Fahrt führt auf Seitensträsschen auf den Buechberg, wo uns an einem Aussichtspunkt ein Apéro erwartet. Doch statt der erwarteten Alpensicht ballen sich dräuende Wolken über dem Zürichsee: Eine Unwetterfront nähert sich rasch unserem Standort. Für uns also höchste Zeit, das Verdeck zu schliessen. Leider zeigt ein Test, dass die Scheibenwischer nicht funktionieren. Dank Unterstützung aus dem perfekt organisierten und bestückten Werkzeug- und Materialkoffer von Hans Georg Koch kann aber eine Überbrückung improvisiert werden.


Kurz nach der Weiterfahrt erweist sich diese improvisierte Reparatur als nützlich, öffnen sich doch nun die Schleusen des Himmels. Trotzdem geniessen wir die Fahrt, welche nun über die Linthebene durch liebliches Grasland nach Benken SG führt.
Ziel der Reise ist das "St.Gallisch-Schweizerische Konditorei-, Confiserie- und Bäckereimuseum" (das heisst tatsächlich so!), wo man nun dem Trockenen zustrebt. Bekanntlich ist ja eine Traction Avant, welche kein Wasser einlässt, nicht mehr original und folglich mit Verachtung zu bestrafen.
Ganz so trocken muss es dann doch nicht sein, denn auch dieser jüngste CTAC-Ausflug wird natürlich gebührend mit Weisswein begossen. Nun geht es zu Tisch. Erst nach und nach wird realisiert, dass man eigentlich nicht in einem Restaurant sitzt, sondern in einem Museum. Rings um die Tische stehen oder hängen Reliquien aus dutzenden von aufgelösten Bäckereien; Arbeitsgeräte, welche längst durch Backcomputer ersetzt sind und sich dem Laien erst nach zweimaligem Hinschauen oder einem Tipp des Museumsbesitzers erschliessen. Man sitzt also zu Tische, geniesst köstliche Speisen, kann gleichzeitig die Exponate studieren und als Zugabe den Erläuterungen von Paul Wick lauschen.


In launigen Worten schildert dieser nicht nur die Entstehung des Museums – übrigens in einem ehemaligen Schweinestall gelegen – sondern auch seinen persönlichen Werdegang, der eigentlich zu einem Schreinermeister hätten führen sollen.
Da man in den 70er Jahren annahm, dass den Kunststoffmöbeln die Zukunft gehöre, wurde ihm aber davon abgeraten. Zum Glück muss man sagen, sonst gäbe es dieses wunderbare Bäckermuseum heute gar nicht. Beeindruckend sind Wicks Schilderungen nicht zuletzt deshalb, weil er aus eigener Erinnerung die gute alte Zeit der Dorfbäckereien aufleben lassen kann. Damals war nicht das Personal, sondern das Material der entscheidende Kostenfaktor. Davon zeugen Exponate, wie die bis fast zum Zerfall genutzten Wähenbleche, Verfahren, Mehlsäcke auch noch vom letzten Gramm Mehl zu befreien, sowie defekte Geräte, welche durch Umnutzung eine zweites Leben erhielten.
Wick hat sich besonders auf die Sammlung von Bäckereimaschinen konzentriert, von denen er nur einen kleinen Teil ausstellen kann. Jede Maschine wurde durch ihn restauriert und wird auf Anfrage gerne vorgeführt.
Seine Sammlung kennt aber keine sturen Grenzen rund um das Backen. Wenn ihm eine Antiquität gefällt, muss sie beschafft werden. So finden sich drei Veteranenfahrzeuge in seiner Sammlung (eine Dodge 1924, ein Buick 1910 und ein De Dion Bouton 1899), welche alle unserer Traction-Avant-Wagen zu Hightech-Gefährten degradieren. Aber auch eine grosse Jahrmarktsorgel oder ein Pianola stehen betriebsbereit im Museum. Seine Sammlung ermöglicht Wick, ganze Themenbereiche darzustellen, etwa in Form einer historischen Schmiede oder einer alten Waschküche.


Leider bessert das Wetter während des Aufenthalts im Museum nicht, sondern zeigt nur noch zwei Farben: grau und feucht! Sich für die Heimfahrt zu entschliessen ist immer einfacher als für die Hinfahrt – man hat halt keine andere Wahl. So macht sich einer um den anderen – dem Regen und der eindringenden Nässe trotzend – auf den Heimweg.
Unserer führt über Rüti und Hinwil, wo es Petrus nochmals wissen will. Es giesst dermassen, dass der Eindruck entsteht, sich in einem Aquarium zu bewegen. Die Wirkung der Scheibenwischer(chen) ist gleich Null. Trotzdem erreichen wir wohlbehalten Effretikon, entfernen die Teppiche zum Trocknen aus dem Auto und beschliessen den Tag mit dem tollen Gefühl, einmal mehr einen höchst interessanten Ausflug und die tolle CTAC-Kameradschaft genossen zu haben. Ein grosser Dank geht an das Organisationskommittee – ihr habt ganze Arbeit geleistet!

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Bericht über dieses Treffen in der Zürichseezeitung