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Die "Neuchâtel" im Trockendock - 26. August 2012

Rudolf Weber

Eigentlich sind die CTAC-Sektionen völlig frei in der Wahl von Ausflugzielen in ihren Regionen. Dieses Jahr dürfte aber ein uneingeweihter Betrachter den Eindruck erhalten haben, dass der Zentralvorstand das Thema Wasser verordnet hat. So zeigte die Region Süd im April im Entlebuch ihren Traction-Kollegen eine Kombination aus Hochwasserschutz und Kleinflusskraftwerk. Der noch bevorstehende Ausflug der Region Nord wird Ende September die Fahrzeuge der Teilnehmer über den Bodensee führen. Nur die Region Ost wollte von der Thematik abweichen und sich mit der Bäckerei befassen. Doch führten Hagel und sintflutartige Regenfälle dazu, dass auch hier das Thema Wasser unübersehbar war.

Und gestern nun die Region West – wieder ganz konform auf der „Wasser-Linie“ – beschäftigte sich mit einem Schiff – zwar noch auf dem Trockenen – welches aber bald wieder die Flotte der stolzen Schweizer Dampfer ergänzen soll. Da dieses vermutlich letzte noch restaurierbare Dampfschiff aber aus dem Neuenburgersee stammt, war zuerst eine, je nach Wohnort, längere Anfahrt zu bewältigen. Das schöne Wetter hätte eigentlich eine flotte Cabriolet-Fahrt als angezeigt erscheinen lassen, doch mein himmelblauer Roadster wartet seit der grossen Englandfahrt mit leichten Blessuren darauf, dass ich einige Tage in die Werkstatt investiere.

Entsprechend bot sich eine Fahrgemeinschaft mit Walti Homberger geradezu an, konnten doch unsere Ehefrauen beide nicht an diesem Treffen teilnehmen. Statt also im offenen Fahrzeug dem grossen Lärm auf der Autobahn für zwei Stunden ausgesetzt zu sein, durfte ich die exklusive Kabine des 15 Six H mit ihrem unvergleichlichen Komfort geniessen. Ich fühlte mich wie weiland Charles de Gaulle, wenn er auf Dienstreisen durch Frankreich chauffiert wurde. Das kraftvolle aber verhaltene Brummen des 6-Zylinder Reihenmotors, der eine zügige Fahrweise erlaubt ohne das vom 11CV-Modell her bekannte Dröhnen auszulösen, die komfortable Federung aus der Kombination von Torsionsstäben und einer Hydropneumatik und nicht zuletzt die bequemen Sessel mit Velours-Bezug machten schon die Anfahrt zu diesem Treffen zu einem reinen Vergnügen.

Aarberg

Ein Teil der Fahrzeuge vor der Kulisse von Aarberg

Trotz Anreise aus der Ostschweiz trafen wir unter den Ersten in Aarberg ein, wo sich in der gemütlichen Altstadt dieses bernischen Provinzstädtchens ein stilvolles Aufstellen unserer Veteranen geradezu aufdrängte. Der Kaffee und die Gipfeli konnten im Freien eingenommen werden, obwohl die Temperatur eher an Oktober denn an August erinnerten. Dies gab Gelegenheit, mit der Kaffeetasse in der Hand den zahlreichen, interessierten Passanten diese oder jene Frage zu beantworten. Immer wieder erstaunt es, dass Laien denken, Veteranenfahrzeuge seien a priori Verkehrshindernisse, da deren alte Technik ja nur ein langsames Fahren ermöglichen würde.

Roland Ledermann, begrüsste als Vertreter des Regionalvorstandes die Teilnehmer und verteilte sogleich die Streckenkarte an die Fahrer oder Navigatoren. Eine abwechslungsreiche Route sollte uns über rund 30 km nach Sugiez führen. Es würde nicht leicht sein, die 22 Tractions (verstärkt durch eine DS und eine Renault Ondine) ohne „Verluste“ durch diese Route zu führen. Doch die Organisatoren hatten die Strecke so gelegt, dass die geschlossene Wagenkolonne praktisch nirgends aufgeteilt werden konnte, also würden auf dem Weg keine Lichtsignale vorkommen, keine Bahnübergänge gekreuzt werden und keine Strassen mit grossem und vortrittsberechtigtem Verkehr im Wege sein.

Traction Avant

Weiter Blick ins Mittelland und zum Jura

Bis auf eine einzige Hauptstrassenkreuzung, bei welcher aber Helfer kurzerhand den Kreuzverkehr blockierten, wurde dies tatsächlich geschafft. Es ist vermutlich das erste Mal an einem CTAC-Anlass, bei welchem eine Kolonne von über 20 Fahrzeugen wirklich geschlossen über 30 km quer durch die Schweiz geführt werden konnte.

Doch nun zur Hauptattraktion – dem Trockendock in Sugiez. Unser Clubmitglied, Marc Oesterle, stiess vor einigen Jahren – dank seinem Hund, wie er uns in einer launigen Rede erläuterte – auf eine Gruppe von Leuten, welche ein eigentlich unmögliches Projekt angestossen hatten. Über 40 Jahre nachdem sich vor allem in der Deutschschweiz die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass das Verschrotten von Dampfschiffen ein grosser Fehler gewesen war, erkannten sie, dass auch auf den drei Seen (Neuenburger- Bieler- und Murtensee) eine historische Dampfschifffahrt nicht nur eine Attraktion, sondern auch ein historisches Kulturgut darstellen könnte. Der letzte Dampfer, die Neuchâtel, wurde jedoch im Jahre 1969 aus dem Betrieb gezogen, die Dampfmaschine verschrottet, die Schaufelräder abmontiert und die entkernte Hülle zu einem Restaurant mit modernen Aufbauten umgebaut. Doch von dem 1912 bei Escher Wyss gebauten Schiff war genügend Substanz vorhanden, dass eine Restauration im Bereich des Möglichen lag. Oder liegen würde, falls sich ein solches Projekt finanzieren liesse.

Sugiez Trockendoch

Manöver vor dem Trockendock, rechts im Bild, im Hintergrund der Kanal

Zurück zu Marc Oesterle. Beim Kontakt mit den Initianten erfuhr er, dass die Neuchâtel antriebslos war und eine baugleiche Originaldampfmaschine nicht mehr existierte. Es gäbe zwar eine interessante Option. Auf dem bayrischen Chiemsee verkehrte die „Ludwig Fessler“ bis 1973 mit Dampf und wurde dann auf Diesel umgestellt. Die ursprüngliche Dampfmaschine, 1926 von Maffei in München gebaut, wäre noch vorhanden und verfügbar – aber natürlich nicht gratis. Dank Marcs grosszügigem Einsatz als Mäzen konnte aber dieses historische Triebwerk angekauft werden. Weitere Sponsoren stellten sicher, dass das Projekt gestartet werden konnte.

Bevor es aber an die historische Substanz ging, folgten logistische Herausforderungen. Das Schiff musste von seinem Restaurant-Standplatz im Neuenburger Hafen – seitlich an ein Leitschiff angedockt – über den See in den Broye-Kanal gezogen werden. Dort wurde die Neuchâtel mit dem grössten in der Schweiz verfügbaren Kran in ein provisorisch erstelltes Trockendock gehievt, welches anschliessend mit einem Dach gedeckt zur temporären Werkstätte wurde.

Neuchatel im Trockendock

Die Neuchâtel im Trockendock

Viel wäre über die Restaurierung zu erzählen, doch vielleicht wird der eine oder andere Leser die Gelegenheit ergreifen, selbst die Neuchâtel zu besuchen, bevor sie – vermutlich 2013 – wieder eingewassert wird. Ein bemerkenswertes Detail ist aber noch zu erwähnen. Wir Besitzer von Veteranenfahrzeugen schätzen sehr, dass unsere Autos, sofern im Originalzustand, nicht den heutigen Vorschriften in Bezug auf Sicherheit, Abgas, Beleuchtung etc. entsprechen müssen. Dies würde ja deren Stellenwert als fahrendes Kulturgut stark entwerten. Eine ähnliche Regelung gilt in der Schweiz für die Schifffahrt. Doch das entsprechende Gesetz hat einen Haken. Es bestimmt nämlich, dass ein historisches Wasserfahrzeug, welches die Wiederzulassung beantragt, längstens 40 Jahre ausser Betrieb gewesen sein durfte. Für die Neuchâtel wurde aber beim Bundesamt für Verkehr (BAV) erst nach 42 Jahren Ruhestand eine neue Konzession beantragt. Trotz dieser kleinen Überschreitung war das „Niet“ aus Bern für eine Originalrestauration unumstösslich und hatte für das Projekt einschneidende Folgen. Das Schiff muss nun nämlich den selben Vorschriften entsprechen, welche auch für neue Schiffe gelten. Daraus ergeben sich für die Neuchâtel unzählige Auflagen. Hier nur zwei Beispiele: Die sich noch in einwandfreiem Zustand befindende Schiffsschale musste ersetzt werden, da die heutige Mindestdicke um wenige Millimeter verfehlt wurden . Weniger gravierende Folgen, aber einen Kompromiss in Bezug auf Originalität musste wegen der Vorschrift nach einer rollstuhlgängigen Toilette eingegangen werden.

Dampfmaschine Neuchatel

Die Dampfmaschine, kritisch begutachtet durch unseren Dampfspezialisten Wädi Schmid

Kein Schweizer Dampfschiff wird noch mit Kohle betrieben. Einerseits wären auf dem Personalmarkt kaum Heizer aufzutreiben. Zudem wäre der Heizer eine zusätzliche Personalstelle, welche die Wirtschaftlichkeit in Frage stellt. Zu guter Letzt mag die Kohlenfeuerung zwar der Dampfromantik entsprechen, nicht aber den heutigen Vorstellungen von Umweltschutz. Entsprechend wird auch die Neuchâtel den Dampf mit einem Ölbrenner erzeugen.

Die höchst interessante Führung endete mit einem Apéro und anschliessender Weiterfahrt nach Mur (Vully). Der Ort gilt als Kuriosität, ist er doch durch die Kantonsgrenze zwischen Fribourg und Waadt zweigeteilt. Unser Ziel lag noch im Kanton Fribourg bei der „Ferme du Hibou“, wo wir begeistert empfangen wurden. Der Wirt dieses Gasthauses persönlich wies die Tractions auf dem grossen Parkplatz ein und ermöglichte so eine repräsentative Aufstellung. Im Garten dieses Landgasthofes öffnet sich eine phantastische Aussicht auf den Murtensee und über das Mittelland bis in die Fribourger Alpen.

Ferme du Hibou

Im Garten der "Ferme du Hibou", im Hintergrund der Murtensee

Trotz der kühlen Witterung bevorzugten die meisten Clubmitglieder die Gartensitzplätze und genossen das vielseitige Buffet, um sich von den Strapazen zu erholen und sich für die Rückreise zu stärken. Es war höchst erfreulich, dass dieser abwechslungsreiche Ausflug auch selten gesehene Clubmitglieder angezogen hat. Selbst ein Tractionist, welcher erst Mitte Juli das Anmeldeformular für eine Clubmitgliedschaft ausgefüllt hatte, war bereits mit seiner schönen Traction dabei.

Den drei Vorständen der Region West, Roland Ledermann, Hans Ettlin und Ernst Mühlheim gilt der Dank für die Organisation dieses tollen Anlasses.

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