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An der Retro Classics in Stuttgart

Rudolf Weber

Als ich vor vielen Jahren meinen ersten OTM besuchte, machte dieser einen nachhaltigen Eindruck auf mich. In den Berner Messehallen meinte ich, alles zu finden, was das Oldtimerherz begehrt und auf der Allmend stand unbeschränkt Parkplatz zur Verfügung. Kurz darauf zügelte der OTM nach Fribourg, wo sich bei dessen erster Eröffnung gleich ein kilometerlanger Stau auf der Autobahn bildete. Parkplätze waren rund um das Forum Fribourg zwar verfügbar, sofern man früh genug anreiste. Bald wurde aber dieses Umgelände überbaut, u.a. mit einem Kasino, und die Parkplätze an die Peripherie von Fribourg verlegt. Ein Shuttlebus führt seitdem zum OTM. Dort angekommen, steht man Schlange an den Billet-Schaltern, welche sich im Freien befinden. Bei Regen wird's feucht.

Der OTM findet in einer riesigen Halle statt, wo sich relativ chaotisch Stand an Stand reiht und man sich des Vergleichs mit einem arabischen Basar nicht verwehren kann. Privatverkäufe von Fahrzeugen finden im Freien statt und die Verpflegungssituation ist der Grösse des Anlasses nicht angemessen.

Ich frage mich, weshalb es in der Schweiz, dem Land mit der relativ grössten Oldtimerdichte (und entsprechendem Geld) , nicht möglich ist, eine anständige Oldtimermesse durchzuführen. Vor vier Jahren beschlossen ein Oldtimerkollege und ich für einmal den OTM von Stuttgart zu besuchen. Wie wird wohl in Deutschland ein solcher Anlass organisiert und präsentiert?

Unsere Überraschung war gross. Die Retro Classics ist eine Oldtimermesse der Superlative, organisatorisch wie auch inhaltlich. Das beginnt mit dem Ticketkauf. Diesen kann man bereits zu Haus im Internet durchführen. Auch die Anfahrt ist bequem. Man kann auf der Autobahn ab der Schweizer Grenze bis zur Messe Stuttgart beim Flughafen durchfahren. Die Strecke ist gut signalisiert. Mehrere parallele Fahrbahnen führen in einen gigantischen Parkhauskomplex, so dass kein Stau aufkommen kann. Direkt am Messe- und Kongressgelände stehen Besuchern 8'200 Parkplätze zur Verfügung. Werden die Parkplätze des Flughafens mitbenutzt, so sind dies weit mehr als 15'000. Beim Ausgang des Parkhauses löst man sich gleich das Parkticket für den ganzen Tag, so dass man abends nicht am Automaten anstehen muss.

Das Messegelände selbst ist riesig und besteht aus neun Hallen, welche alle ungefähr die Grösse des Forums Fribourg aufweisen. Deshalb sollte man für einen Besuch einen ganzen Tag einrechnen und die Öffnungszeiten voll ausnutzen.

Die Messe ist thematisch gegliedert. Da finden sich in einer Halle die Händlerstände, wo die ganz teuren Fahrzeuge verkauft oder versteigert werden. Der Höhepunkt sind sicher die raren Vorkriegswagen von Mercedes mit Sonderkarosserien, welche man für einmal hautnah bewundern kann. Natürlich ist die ganze Messe schwergewichtig auf deutsche Fahrzeuge ausgerichtet, die Nähe der Mercedes-Werke ist deutlich spürbar. Doch sind auch die französischen Klassiker der Marken Delage oder Delahaye zu finden.

Delahaye

Gerne vergisst man in dieser ersten Halle die Zeit, statt in diejenigen Hallen vorzudringen, die eher den eigenen finanziellen Möglichkeiten entsprechen. Eine ganze Halle ist beispielsweise den Youngtimern gewidmet. Auch Freunde der amerikanischen Hot Rods kommen dort auf ihre Rechnung.

Spezielle Freude machen die Clubstände. Sie müssen nicht mit so prekären Raumverhältnissen vorlieb-nehmen, wie in Fribourg. Aufgefallen ist eine rekonstruierte historische Werkstatt mit Hühnerstall und ̶- lebenden Hühnern!

Retro Classics Stuttgart

Auch Freunde französischer Fahrzeuge ̶ in Deutschland gar nicht so selten ̶- pflegen mit viel Liebe ihre Clubstände. Hier sind jedes Jahr Traction Avant Modelle zu finden, nur zum Anschauen oder auch zum Kauf ausgeschrieben.

Citroën Traction Avant

Die Zeit drängt, es sind noch sechs Hallen zu bewältigen. Gleich befindet man sich im Paradies der Schrauber. Teile- und Werkzeughändler füllen eine weitere Halle. An Demonstrationen werden die neusten Wunderbohrer und Schleifgeräte gezeigt, aber auch Literatur ist in Fülle vorhanden. In Deutschland, mit seiner Kriegsvergangenheit finden Liebhaber von antiquarischen Büchern manch seltenen Fund, welcher in der Schweiz kaum zu haben ist.

Draussen im Messegelände kann man unterdessen Oldtimer Probe fahren. Eine Reihe interessanter Fahrzeuge stehen zur Verfügung, um Interessenten für dieses Hobby zu gewinnen.

Mittagszeit! Ein grosszügiges Selbstbedienungsrestaurant mit Sonnenterrasse garantiert eine effiziente Verpflegung auf attraktivem Niveau ̶ aber in tiefen Euro-Preisen. Also liegt auch noch ein Dessert drin! Gerne würde man noch etwas sitzen bleiben, ermüdet von der langen Hallen-Wanderung. Doch das Ziel ist noch fern und als weiterer Höhepunkt lockt nun die LKW-Halle. Hier finden sich Lastwagen und Reisecars in grosser Anzahl, von ihren Besitzern liebevoll restauriert. Erfreulich für uns Schweizer ist, dass immer auch Saurer, Berna und FBW-Fahrzeug anzutreffen sind. Sie haben in Deutschland einen guten Namen. Aufgefallen ist uns auch ein französischer Bus mit hinterer, offener Plattform zum Aufspringen. Er wird wohl vor dem Krieg zeitgleich mit unseren Tractions unterwegs gewesen sein.

französischer Autobus

Was in Fribourg im Freien und demgemäss im März häufig im Regen stattfindet, nämlich der private Fahrzeugmarkt, spielt sich in Stuttgart in einer weiteren Halle ab. Hier treffe ich praktisch jedes Fahrzeug an, welches ich als Schüler in den Strassen von Winterthur zirkulieren sah. Nostalgische Gefühle kommen auf, wenn ich mich erinnere, dass man damals ins Innere schaute, um zu prüfen, wie viel der Wagen "herauslässt". 130 auf dem Tacho löste grosse Ehrfurcht aus, zu Zeiten als VW damit warb, dass der Käfer auf der Autobahn mit flotten 90 Sachen rolle!

Draussen dunkelt es, die Messe schliesst um 19:00 Uhr und doch muss noch ein Blick in die Halle geworfen werden, wo dem historischen Motorsport gehuldigt wird. Nach dem Laufschritt durch diese sehenswerte Sammlung entsteht der Entschluss, das nächste Jahr mal die Hallen in umgekehrter Reihenfolge zu besuchen. Dass es auch nächstes Jahr an die Retro Classics geht, muss gar nicht diskutiert werden.

Auf einen Nachteil der Retro Classic muss ich aber hinweisen. Wer einen Überblick über die in der Schweiz angesiedelten KMU-Betriebe der Oldtimerbranche gewinnen will, ist auf Fribourg angewiesen. Einzelne Schweizer Vertreter stellen zwar auch in Stuttgart aus, doch das Schwergewicht liegt natürlich auf deutschen Fachbetrieben.

Ohne Stress und Stau erreicht man das Parkhaus, fährt auf die Autobahn Richtung Singen und bemerkt, dass die mit Tempo 200 und mehr überholenden Autos auffallend häufig Schweizer Nummern tragen.

Ein Plan sagt mehr, als meine Worte, hier der Link zum Hallenplan:

Zur Bildergalerie (Fotos von Peter Imhof)