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Ausfahrt der Region West 2014 in den Jura

26. - 27.4.2014

Rudolf Weber

Nach einer langen und ausserordentlich schönen Frühlingsperiode sollte das Wetter ausgerechnet auf das Wochenende der ersten CTAC-Ausfahrt in diesem Jahr wechseln. Doch Tractionisten sind keine Warmduscher und somit erfolgten, trotz strömendem Regen, keine kurzfristigen Absagen. Die Einwohner von Saignelégier staunten nicht schlecht, als sich am letzten Samstag zwischen neun und zehn Uhr vor ihrem Sportzentrum nicht weniger als 24 Fahrzeuge des Typs Traction Avant aus allen Gegenden der Schweiz einfanden. Selbst eine St. Galler-Nummer fand sich darunter, und der Fahrer, Kurt Sutter aus Schmerikon, betonte, dass er um 5 Uhr 15 Tagwache hatte, um rechtzeitig im Jura einzutreffen.
CTAC Ausflug West 2014

Dann grosses Hallo, Kaffee und Gipfeli, wie es halt der Brauch ist, ob man sich in der deutschen oder der welschen Schweiz trifft. Mit schon fast militärischer Präzision wurde im Restaurant über das Tagesprogramm und vor allem über die zu fahrende Route informiert. Dabei konnte man feststellen, dass die Organisatoren, Ernst Mühlheim und Roland Ledermann, gründliche Vorbereitungen getroffen hatten. Vor allem wurde ein exakter Routenplan samt Wegbeschreibung verteilt, was die Sorgen der Teilnehmer, dass man sich in den unbekannten Weiten des Juras verfahren könnte, erheblich milderte.

Die lange Wagenkolonne setzte sich nun in Bewegung, doch nicht, wie erwartet, Richtung Osten (Fernziel war Basel), sondern nach Westen, was kurz darauf zu einem Grenzübertritt – oder müsste man Grenzüberfahrt sagen? – nach Frankreich führte. Dank Schengenabkommen wurde dies allerdings kaum bemerkt, denn auch auf der französischen Seite waren die Weiden vom selben Grün und die Tannen vom selben Wuchs wie in der Schweiz.

CTAC Ausflug West 2014
Doch immerhin besserte das Wetter, so dass man sich entspannen und die Fahrt entlang des Doubs geniessen konnte. Bekanntlich kann sich ja dieses Flüsschen nie so richtig entscheiden, ob es nun durch die Schweiz oder durch Frankreich laufen soll – entsprechend führte die Fahrt entlang dieses idyllischen Gewässers durch fantastische Naturlandschaften natürlich doch wieder zurück in die Schweiz, zum Etappenort St. Ursanne.

Wie es den Organisatoren gelungen ist, die halbe Altstadt für den motorisierten Verkehr sperren zu lassen, ausser man fahre einen Wagen des Typs Citroën Traction Avant, wird wohl ein Rätsel bleiben. Die einheimische Bevölkerung beobachtete den Massenaufmarsch – hier würde sich woh der Ausdruck Auffahrt nicht so eignen – mit Neugier und Interesse und es kam zu keinen Gegendemonstrationen, wie es etwa bei einem ähnlichen Aufstellen unserer Fahrzeuge in der Zürcher Innenstadt zu erwarten gewesen wäre.

CTAC Ausfahrt West 2014
Besonderes Interesse fand das Fahrzeug von Remo Spaini, dessen Farbe zwar nicht ganz einer historisch korrekten Lackmischung entsprach, doch in seinem irisierenden Glanz in zwei verschiedenen Blautönen natürlich aus der Parade der eher dunkel auftretenden Wagen herausstach. Ebenfalls hervorheben muss man das Ehepaar Berchtold, welches es gewagt hat, mit seinem fabelhaften 11BN-Cabriolet mit offenem Verdeck zu fahren. Vermutlich dürften Loyalitätsgründe zu seinem Hund den Ausschlag gegeben haben, ritt dieser doch im Schwiegermuttersitz mit, welcher bekanntlich bei Regen nicht überdacht werden kann.

Jetzt ging es aber an die Arbeit, resp. an das Studium der atomaren Endlagerproblematik. St. Ursanne ist nicht nur ein historisches Juwel sondern sitzt quasi auf dem legendären Opalinuston, welcher das Schlüsselwort für die Endlagersicherheit ist. Als beim Bau der Trans-Jurane der Mont Terri durchbrochen wurde, stiess man auf gewaltige Opalinustonschichten. Autobahntunnels müssen parallel zur Hauptröhre über einen Rettungstunnel verfügen. Dieser brachte Geologen auf die Idee, davon ausgehend ein Felslabor zur Erforschung des Opalinustons zu errichten. In der Zwischenzeit verfügt dieses geologische Labor über umfangreiche Stollen und Kavernen. Hauptziel ist es, das Verhalten der Tonschicht in Bezug auf Wasser und Wärme zu erkunden und Methoden zu erforschen, wie die hochradioaktiven Behälter dereinst endgültig gelagert werden könnten. Für Laien stellt sich dabei immer wieder die Frage, wie Geologen garantieren können, dass auch in tausenden von Jahren die Tonschichten so stabil wie heute sein werden, damit keinerlei Radioaktivität an die Oberfläche gelangen kann. Geologen sind keine Propheten, aber gute Historiker. Sie können dank im Ton eingeschlossenen Versteinerungen nachweisen, dass sich die Opalinustonschichten in der Schweiz in den letzten 180 Millionen Jahren nicht verändert haben. Sie trauen deshalb dem Ton noch eine weitere Million Jahre zu.

Felslabor im Mont Terri
Mit Helmen ausgerüstet ging es mit einem Minibus durch eine Schleuse ins Berginnere, wo man, 400 Meter unter den Juragipfeln, auf dieses sagenhafte Material stiess, auf dem die Hoffnung der Geologen beruht. Wer sich, wie der Schreibende, ein lehmähnliches Material vorgestellt hat, unterlag einem Irrtum. Opalinuston ist ein Gestein, trocken und fest, kann aber trotzdem relativ viel Wasser enthalten. Es ist wiederum so weich, dass es mechanisch, ohne Sprengungen leicht angebohrt werden kann. Das Beste ist aber die Fähigkeit, dass sich der Ton beim Entstehen von allfälligen Rissen selbst abdichten kann, wodurch sich eine sehr geringe Durchlässigkeit ergibt.

Felslabor Mont Terri

Die fachlichen Begleiter, die Herren Hauser und Weber, betonten, dass das Felslabor weder während der Tests noch später mit radioaktiven Substanzen beschickt werden würde. Pläne für das definitive Endlager für hochradioaktive Substanzen konzentrieren sich auf das Mittelland, unter anderem auf die Gegend um Benken im nördlichen Weinland. Dies löste bei unserem Clubmitglied Daniel Eberli und seiner Frau Agi nicht nur ein Stirnrunzeln aus, sondern führte auch zu kritischen Fragen, wohnen sie doch direkt oberhalb der geplanten Lagerstätte. Es war eine gute Gelegenheit für sie, sich mitten im Opalinuston direkt mit einem Geologen der Nagra über die Chancen und Risiken dieser geplanten Deponie zu unterhalten.

Zu ergänzen ist noch, dass das Felslabor nicht nur durch die Nagra-Geologen betrieben wird, sondern ein internationales Renommee hat. Forscher aus acht Ländern, darunter der USA und Japan, sind beteiligt, unter anderem auch die Firma Chevron, die aus den Arbeiten Nutzen für ihre Ölexplorationen ziehen kann. Einen Link auf die vor der Besichtigung gezeigte Präsentation über das Felslabor findet man hier.:

Zurück am Tageslicht wurde nicht mehr in Millionen von Jahre gerechnet, sondern wieder in Stunden, und man sorgte sich nicht mehr über eine allfällige Strahlengefahr, sondern ob es nicht bald zum Mittagstisch gehe. Tatsächlich war dies der nächste Programmpunkt. Die Fische – vermutlich aus einem nahen Juragewässer gefischt – schmeckten vorzüglich. Danach ging es auf romantisch-verschlungenen Wegen zum Ende der Tagesetappe nach Cornol, einem kleinen Nest, acht Kilometer von Pruntrut entfernt.

Der Ort war nicht beliebig gewählt, sondern bot eine Überraschung. In Cornol arbeitet Marcel Gaignat, der letzte Holzschuhmacher der Schweiz. Die Besichtigung seiner Werkstatt führte wieder näher an unser Thema "alte Technik", schnitzt doch Monsieur Gaignat seine Schuhe zum grossen Teil nicht von Hand sondern mit vorsintflutlichen Maschinen, gegen die unsere Tractions Hightech-Produkte sind. Was aber nicht heissen will, dass die Schuhmaschinen primitiv sind, ganz im Gegenteil. Sie arbeiten wie ein Kopierapparat: mit einem Fühler folgt der Schuhmacher einem fertigen Musterholzschuh. Diese Bewegung wird auf die verschiedenen Bohrköpfe, Schleifräder oder Fräsen übertragen, so dass in kurzer Zeit aus einem Holzklotz ein fertiger Holzschuh wird. Dass diese Maschinen heute noch laufen, hat mit der damaligen äusserst soliden und massiven Technik zu tun, welche noch nicht über eine geplante Obsoleszenz verfügte. Die Schattenseite dieser historischen Werkstätte ist allerdings, dass sie lange vor der Gründung der SUVA eingerichtet wurde. Man musste sich also achten, nicht über surrende Ledertransmissionen zu stolpern oder in laufende und völlig ungeschützte Messer zu greifen. Wäre diese Werkstatt nicht so abgelegen und kaum bekannt, würden die Versicherungen vermutlich die Risiken eines Besuchs der Schuhmacherei Gaignat in ihren Policen ausschliessen.

Glücklicherweise überstanden aber alle Besucher die Besichtigung unverletzt. Allerdings kriegte der eine oder die andere, welche zu genau hinschaute, ganze Duschen von Sägespänen ab, welche wohl noch den ganzen weiteren Abend dekratzt haben dürften. Dabei hätte es ja eine Alternative gegeben, befand sich doch gerade gegenüber dem Hotel, wo die Tractionisten übernachten würden, eine Destillerie, deren Produkte höchstens im Hals kratzten. Allerhand Eigenbrände lockten zur Degustation, auch mit eher selten eingesetzten Früchten wie Quitte oder Hagenbutte. Es sei den Organisatoren verdankt, dass sie diesen Programmpunkt auf den Abend verlegt hatten, und man sich somit keine Sorgen um seine Fahrtüchtigkeit machen musste.

CTAC Ausfahrt West 2014

Nach dem Nachtessen im Hotel "Union des Peuples", unter dem Portrait von Louis Chevrolet, zogen sich die meisten – doch recht ermüdet – zeitig zurück, um Energie für den zweiten Tag zu tanken. Dieser begann mit einer Überraschung, übernahm doch der erst im letzten Herbst dem Club beigetretene Hans Winkler und seine Partnerin Gabriele die Führung. Hans, zwar gebürtiger Ostschweizer, lebt seit längerer Zeit in der Region Basel und kennt das Basler Hinterland – nach seinen eigenen Angaben – wie seinen "Hosensack". Den Beweis trat er umgehend an und führte die zwei Dutzend Fahrzeuge über Routen, welche man wohl nie selbst entdecken würde. Einmal mehr wurde ein Abstecher nach Frankreich gemacht, wo die pitoresken Dörfer noch etwas urtümlicher sind und die Flurnamen mit ihrem deutschen Klang darauf hinwiesen, dass man sich diesmal im Elsass und nicht wie am Vortag, in der Franche-Comté befand.

In Vieux Ferrette gab es einen Zwischenhalt, natürlich wegen eines weiteren Geheimtipps. Seit 1979 führt Maître Antony einen Käsehandel mit eigenen Reifekellern. Er ist mit seinen Produkten so berühmt, dass er für Käsedegustationen nach Paris oder Hongkong, aberauch nach New York oder Berlin eingeladen wird.

Maitre Antony

Er ist in der Lage, über hunderte von Käsesorten ausführliche Geschichten und Anekdoten zu erzählen und scheint eine Legende zu sein. Zahlreiche Fotografien mit Prominenten schmücken seine Degustationsräume. Diese waren nun für einmal mit Tractionisten gefüllt, welche, trotz anspruchsvollem Schweizergaumen, von seinen Käsen begeistert waren. Entsprechend eifrig wurde auch eingekauft.

Leider drängte die Zeit, denn man wollte ja das Mittagessen in Basel nicht verpassen. Doch es reichte noch zu einer kurzen Schlaufe durch den mittelalterlichen Kern des Städtchen Vieux Ferrette, welches allerdings so steil an den Hang des Schlosshügels gebaut wurde, dass mancher Tractionist wohl ein heimliches Stossgebet zum Himmel sandte, dass sein Bremsen doch halten mögen.

Eine Tafel mit der Aufschrift "Willkommen im Baselbiet" wies darauf hin, dass man sich wieder in der Schweiz befand. Allerdings führten die verzahnten Kantonsgrenzen dazu, dass kurz darauf dem Kanton Solothurn ein Besuch abgestattet werden konnte. Erstaunlich war aber, dass man dank Franz Winklers Ortskenntnis konsequent auf Nebenstrassen bis fast ins Zentrum der Basler Agglomeration vordringen konnte.

So trafen gegen zwölf Uhr alle Fahrzeuge in Muttenz auf dem Parkplatz des Pantheons ein. Dort erhöhte sich der Tractionbestand auf 29 Fahrzeuge, hatten doch einige Clubmitglieder nur den Sonntag für dieses Treffen reservieren können. Grosse Überraschung für Clubmitglieder mit Kindern – ein historischer Bus stand für eine kurze Rundfahrt bereit. Bei einem Cüpli und etwas Knusprigem, grosszügig spendiert von und serviert durch Hans Berchtold, konnte nun auf diese tolle Ausfahrt angestossen werden, bevor man die heilige Halle des Pantheons betrat.

CTAC im Pantheon Basel

Der Begriff Pantheon stammt aus dem Griechischen und bedeutet ein allen Göttern geweihtes Heiligtum. Da nun Motorfahrzeuge für etliche Zeitgenossen göttliche Produkte sind, darf dieser Name sicher auch für einen automobilen Tempel benutzt werden, welcher nicht nur "déessen" beherbergt. Doch geht es auch um die DS, denn der Grund unseres Besuches war ja die Sonderausstellung über die Marke Citroën, die der Pantheon-Gründer, Stephan Musfeld und Hans Berchtold zusammengestellt hatten. Schwerpunkt ist dabei die Traction Avant, welche bekanntlich dieses Jahr bei bester Gesundheit ihren 80. Geburtstag feiern kann. Doch werden auch ihre hinterradangetriebenen Ahnen gezeigt. Sogar eine Expeditions-Kégresse mit typischer Wüstenbemalung ist zu bewundern.

CTAC im Panthoen Basel

Natürlich stiessen auch die ständigen Exponate anderer Marken der Sammlung von Stephan Musfeld auf grosses Interesse, so dass es nicht einfach war, die Leute zur Mittagstafel zu versammeln. Dabei zeigte aber die Pantheon-Küche, dass sie der hohen Qualität der Oldtimersammlung ebenbürtig ist. Von der Vorspeise bis zum Dessert mit Citroën-Logo war alles perfekt und stärkte die Tractionisten für die nun bevorstehende individuelle Heimreise.

Es ist erstaunlich, dass es dem CTAC auch 38 Jahre nach seiner Gründung noch gelingt, neue und überraschende Ausfahrten zu organisieren. Dies ist den engagierten und innovativen Regionalvorständen zu verdanken, die sich Jahr für Jahr von Neuem anstrengen, ihren Clubkollegen tolle und abwechslungsreiche Ausflüge zu bieten. Der Vorstand der Region West hat mit diesem Zweitäger sicher einen herausragenden Anlass durchgeführt und die Messlatte für weitere Ausfahrten hoch angesetzt. Dafür gebührt ihm der Dank aller Teilnehmer.

Weitere Bilder findet man im Album von Udo Kenkel