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Tour de Traction

Unterwegs als Experte und Entscheidungshelfer für einen Traction-Kauf

Daniel Eberli

Nein, es handelt sich hier nicht um einen Übersetzungsfehler. Es gab keine „Tour en Traction“, sondern dies ist ein Bericht über eine Reise durch Mitteleuropa mit dem Zweck, verschiedene zum Kauf angebotene Tractions zu prüfen.

Von einem Teilnehmer an einem meiner Reparatur- und Servicekurse dieses Jahres (noch ohne Traction) und liebenswürdigen Kollegen wurde ich angefragt und Anfang November engagiert, um ihm auf der Suche nach einer geeigneten Traction und der Beurteilung diverser potentieller Kaufobjekte behilflich zu sein. Ich sagte zu, und so sind wir am Mittwoch em 5. November losgefahren.

Erklärtes Zielobjekt war ein Citroën Légère Radmodell, das in gutem Zustand sowie alltagstauglich sein sollte.

Unsere Reise führte uns zuerst in die Ostschweiz, wo wir gleich mehrere Légères besichtigen konnten. Alle waren schwarz, von ordentlichem, aber keineswegs perfektem Zustand, aber leider war mit keinem eine Probefahrt möglich, so dass eine abschliessende Beurteilung nicht möglich war. Immerhin bekamen wir einen Eindruck, was so „in Etwa“ auf dem Markt war, und wie sich die preisliche Situation präsentierte.

Nach dem Mittagessen im Tösstal ging’s – bei regnerischem Wetter – weiter. Von Biberbrugg führte unser Weg über den Ratenpass, und der Regen verwandelte sich in Schnee. Das nächste Objekt fanden wir in der Zentralschweiz, einen 11BL von 1949. Aussen präsentierte sich das Fahrzeug in sehr schönem Zustand.

TA im Schnee
Der positive Eindruckwurde nur leicht geschmälert durch einige ganz kleine Blasen an einer Türecke, eine kleine Beule an einem Kotflügel und Raddeckeln mit Altersspuren. Dazu müsste man sicher diverse Gummiteile ersetzen.

Innen begeisterte das Fahrzeug durch eine von Kurt Sutter in hervorragender Qualität ausgeführter Sattlerarbeit.

Der Wagenboden war in gutem, wenn auch nicht makellosem Zustand, der Benzintank aus Chromstahl (!), lediglich der Auspufftopf dürfte in nächster Zeit ersetzt werden müssen.

Was die Technik betraf, so waren einzelne Kleinigkeiten zu bemängeln. Der Motor veranlasste mich zu Sorgenfalten, denn ein Ventil klapperte vernehmlich, und der Kompressionstest ergab, dass die Zylinder 3 und 4 deutlich abfielen.

Trotz des scheusslichen Wetter starteten wir zu einer Probefahrt. Es herrschte Schneetreiben, was dazu führte, dass die Maschine kaum auf Normaltemperatur kam. Ich stellte eine rupfende Kupplung fest (was sich im Laufe der Fahrt etwas verbesserte), und ich hätte bei einem Légère etwas mehr Leistung erwartet. Sicher würde ein Service dem Auto gut tun. Weder beim Öl noch beim Wasser gab es verräterische Spuren.

Preis/Leistung schienen uns in einem guten Verhältnis zu stehen, und mein Auftraggeber zog das Auto in die nähere Wahl. Allerdings muss erwähnt werden, dass er – bedingt durch seine Körpergrösse von 1 Meter 95 – Schwierigkeiten hatte, einigermassen durch die Frontscheibe zu sehen und seine Füsse auf die Pedale zu bringen, ohne die Knie hinter die Ohren falten zu müssen.

TA silber-grau

Das nächste Fahrzeug war ein 11BL in der Nähe von Bern. Ausgeschrieben für Fr. 19'800.- , stellten wir „vor Ort“ fest, dass der Preis auf Fr. 14'800.- gesenkt worden war. Aus der Distanz sah das Auto – schwarz mit silberfarbenen Flanken – ganz ordentlich aus. Innen so ausgestattet, wie ich mir ein Puff vorstelle, zeigte sich nach einem raschen Blick in den Kofferraum, dass der Wagen nicht in unser „Beuteschema“ passte: Durch den Kofferraumboden hindurch konnten wir die hochwertigen Bodenplatten des Verkaufsraumes sehen. Die übrigen Fahrzeuge, die im gleichen Verkaufsgebäude herumstanden und durchwegs einen doppelt oder dreimal so grossen Hubraum hatten, wie der bemitleidenswerte kleine Légère, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir hier ein Objekt vor uns hatten, das einer Vollrestaurierung bedurfte. Wir nahmen uns nicht die Mühe, einen Kompressionstest zu machen oder den Wagen weiter auf den technischen Zustand zu prüfen, sondern machten uns auf den langen Weg in der Rush-Hour auf der A1 nach Benken. Am nächsten Morgen – mein Auftraggeber hatte in unserem B&B genächtigt – fuhren wir los Richtung Norden. Unser Ziel war eine 11 Normale (oder, wie wir Schweizer sagen: ein „Large“), Koffermodell von 1955 und somit mit dem 11D-Motor ausgestattet. Eigentlich nicht genau das Traumfahrzeug meines Kollegen, aber vom Beschrieb und den Bildern nach zu urteilen ein sehenswertes Objekt, das in der Nähe von Strassburg zum Verkauf stand. Nach einer Fahrt durch den Schwarzwald – das Wetter war inzwischen markant besser geworden – kamen wir dort kurz nach 10 Uhr an. Tatsächlich sahen wir ein sehr schönes Auto, in einem gar nicht Frankreich-typischen Zustand. Kein „état d’origine, jamais soudé, part toute distance!“- Citroën („Originalzustand, nie geschweisst, startet für jede Distanz“), sondern ein Fahrzeug, das offensichtlich liebevoll und mit Fachkenntnis vor einigen Jahren restauriert worden war. Aussen zeigte es eine Lackierung in „Bleu Nuit“ in guter Qualität. Es gab keine Rostblasen, und der kleine Magnet zeigte auch keine Spachtelstellen an. Leider hatte der Kotflügel vorne rechts eine hässliche Delle, die – wie der Verkäufer glaubhaft aussagte – davon stammte, dass ein Kollege ein Gestell darauf hatte fallen lassen. Selbstverständlich würde diese vor der Übergabe repariert. Ein Scheinwerferglas hatte einen Sprung und die Stossstangen und Türgriffe zeigten deutliche Altersspuren.

TA blau Motor

Der Verkäufer gab an, dass das Lampenglas sowie die Batterie, welche zu klein war, noch ausgetauscht werden. Die Polsterung war in Originalstoff, aber offensichtlich durch einen Fachmann erneuert worden. Der Himmel war möglicherweise noch original. Er fiel insofern auf, als dass er sich etwas düster präsentierte.

TA innen

Der Motor sprang sofort an und erfreute durch einen runden Lauf. Bei der kurzen Probefahrt auf dem grossen Platz vor dem Gebäude – das Fahrzeug war nicht versichert und hatte deshalb keine Strassenzulassung – zeigten sich beim Anfahren leichte Knackgeräusche von den Antriebswellen oder der Vorderrad-Aufhängung. Die Gänge liessen sich leicht schalten, die Kupplung war in Ordnung und der Motor zeigte sich kraftvoll. Ein Eindruck, der hinterher beim Kompressionstest bestätigt wurde, denn die Werte waren auf allen vier Zylindern mit 7,5 bar oder höher ausgezeichnet. Weder am Öleinfüllstutzen, noch am Kühlerdeckel zeigte sich verräterischer Schaum.

TA schwarz

Mein Auftraggeber stellte fest, dass er in der „Normale“ doch wesentlich besser sitzen konnte, als in einer „Légère“. Da zudem der 11D-Motor mit seiner guten Leistung überzeugen konnte, geriet sein Entschluss, die kleinere Ausführung und als Radmodell zu kaufen, in’s Wanken. Die Tatsache, dass allmählich unsere Mägen zu knurren begannen, war zudem der Entscheidungsfindung keineswegs förderlich. Dennoch machten wir uns auf den Weg weiter nach Norden, wo nicht allzu weit von Frankfurt ein weiteres Objekt zu besichtigen war. Kaum waren wir auf der Autobahn, gerieten wir in einen Stau, und es ging nur noch langsam vorwärts. Mit jedem Meter sank unser Interesse an alten Autos irgend-welcher Art, und unser Denken kreiste nur noch um das Essen. Schliesslich kam mein Auftraggeber zum Schluss, dass das Auto in der Nähe von Frankfurt eigentlich – abgesehen von der Farbe – praktisch identisch sein würde, und dass unsere Reise ja auch dem Vergnügen dienen sollte. Der Besichtigungstermin wurde gestrichen, und wir fuhren zum Landgasthof „König von Preussen“ neben dem Kloster Frauenalb (Gemeinde Marxzell) zum Mittagessen. Dieses brauchte seine Zeit, und erst um halb drei begaben wir uns auf einen Verdauungsspaziergang zu den Ruinen des alten Klosters, das 1853 einem Brand zum Opfer gefallen war, nachdem es 50 Jahre vorher von den Benediktinerinnen, die es seit dem 12. Jahrhundert bewohnt hatten, aufgegeben worden war. Beim Namen „Marxzell“ wird bei manchem Leser innerlich eine Glocke läuten und der Begriff „Museum“ wird im Kopf herumgeistern. Sicher werden sich beim einen oder anderen auch Wörter wie „skurril“ oder „chaotisch“ dazu gesellen. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, für den bietet das „Fahrzeugmuseum Marxzell“ eine Fülle an Ausstellungsobjekten aus allen Gebieten, wobei der Begriff „Fahrzeug“ sehr frei gewählt scheint, denn Drehorgeln, Uhren, Radios, doppelköpfige Föten, ausgestopfte Vögel und was immer man sich vorstellen kann (oder auch nicht), kann man in den seltensten Fällen als „Fahrzeug“ bezeichnen. (Selbst wenn man zugeben muss, dass es bei einem Fuchsschwanz durchaus eine Beziehung zur Automobil-Geschichte geben kann…  Opel Manta).



Wie auch immer: Mein Auftraggeber gehört zu den regelmässigen Besuchern dieses Raritätenkabinetts, und auch ich bin schon einige Male dort gewesen. Das letzte Mal liegt jedoch schon recht weit zurück, und so willigte ich begeistert ein, als der Vorschlag zu einem kurzen Besuch gemacht wurde. So kurz blieb er dann natürlich nicht, aber es machte unheimlich Spass, in diesem alten Gebäude auf Entdeckungstour zu gehen. Dass es da eine Citroën Kegresse zu sehen gibt, wusste ich natürlich, aber dass mehrere Traction-Kühlergrills an einem Balken hingen, fiel uns erst dieses Mal auf.

Marxzell

Dann wurde es Zeit, dass wir uns wieder auf den Weg machten. Nun sollte es Richtung Lyon gehen, und natürlich war Rush-Hour, als wir wieder in die Gegend von Strassburg kamen. Die „Navi-Dame Monika“ führte uns jedoch um die schlimmsten Staus herum. Gegen 22 Uhr fanden wir ein Hotel in Dôle, wo wir noch was Kleines essen und dann müde ins Bett fallen konnten. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen und einer kurzen Tour durch Dijon – einer sehr schönen Stadt mit einem malerischen Stadtzentrum – machten wir uns wieder auf den Weg. Unser Ziel war ein Händler von klassischen Automobilen am Stadtrand von Lyon. Gleich drei Tractions wurden dort angeboten, ein 11BL Radmodell, ein 11N Koffermodell

TA Koffermodell

und ein schöner 1952-er Six mit den breiten Stossstangen, aber noch als Radmodell. Während der Six schon aus Kostengründen nicht in Frage kam, stellten wir rasch fest, dass weder der Légère, noch der Large unseren Vorstellungen entsprach. Nach einigen Blicken in und unter die Autos verzichteten wir auch hier darauf, Kompressionstests und weitere technische Untersuchungen zu machen… Dennoch bedeutete der Besuch dieses Händlers keine verlorene Zeit: Dadurch, dass mein grossgewachsener Auftragsgeber die Möglichkeit hatte, unmittelbar nacheinander eine Sitzprobe in einem Légère und in einem Large zu machen - mit der klaren Feststellung, dass das ehemalige Wunschobjekt Légère nun durch den Large abgelöst wurde..

Citroen Club
Den Rest des Tages verbrachten wir an der „Epoque d’Auto“, DER Oldtimer-Messe in Lyon. Wir sahen unzählige wunderschöne Autos (und auch andere), absolute Raritäten, „Brot & Butter Autos“, Bücher, Teile und und und. Ich konnte einen AC4-Anlasser, einige Traction-Teile und etwas Werkzeug kaufen. Schliesslich hatten wir genug gesehen, und wir machten uns auf den Heimweg.

Frontantrieb

C4 Familiale

Die „Navi-Dame“ sagte uns, dass wir innerhalb nützlicher Frist bis nach Benken gelangen konnten, wo wir – nach einem feinen Nachtessen und einem kurzen Spaziergang in Morges am Genfersee – bei den Klängen der Schweizer Nationalhymne aus dem Radio um Mitternacht eintrafen.

Camping Kinder

Panhard Dynamique

Was den Traction-Kauf betrifft, so heisst es: „Affaire à suivre“. (Fortsetzung folgt.)