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Wie die Tractionisten auf die Kunst kamen

Rudolf Weber

"Je höher ihre Bildung, desto weniger verstehen Menschen Kunst – Handwerker finden den Zugang zur Kunst viel einfacher". Dieses Zitat erstaunt – vor allem aus dem Mund des Schweizer Aktions- und Installationskünstlers "Wetz". Wenn man allerdings erfährt, dass dieser Aktivist, der mit bürgerlichem Namen Werner Alois Zihlmann heisst, aus einer Wohlhuser Dachdecker- und Spenglerfamilie stammt, beginnt man zu verstehen. Er erklärt nämlich, dass Akademiker sehr gut über Kunst sprechen können, was aber nicht heisse, dass sie auch etwas davon verstehen würden. Handwerker könnten, dank ihrer manuellen Erfahrung, künstlerisches Schaffen viel besser wertschätzen.

KKLB Wetz

Wetz begrüsst in den Räumen des ehemaligen Landessenders

Vielleicht liegt es in seinem Fall aber auch daran, dass Wetz die Gabe hat, einem Laienpublikum den Zugang zu Kunst so plastisch zu vermitteln, dass das ungeschulte Publikum vor abstrakten Konstruktionen nicht einfach den Kopf schüttelt sondern erheitert wird.

Und ein solches Laienpublikum bildet sicher die CTAC-Truppe, welche sich dank der Organisation der Region Süd am 27. September in den Gebäulichkeiten des ehemaligen Landessenders Beromünster traf. Es war vom Vorstand Süd etwas mutig, Oldtimerfreunde nicht, wie üblich, in ein technisches Museum oder an eine Autoausstellung einzuladen. Würde die Aussicht auf Kunst überhaupt einige Clubmitglieder an diesem neblig-kühlen Septembertag aus der warmen Stube locken?

Citroën Traction Avant Cabriolet

Für Cabrioletfahrer gibt es kein zu kühles Wetter, höchstens zu kühle Kleidung

Die über 50 Teilnehmer widersprechen dem Ruf, dass wir Liebhaber von Veteranenfahrzeugen uns nur für Öl, Rost und alte Technik interessieren würden. Immerhin bot der Treffpunkt einen Bezug zu unseren Fahrzeugen. Der Landessender Beromünster wurde nämlich 1931 eröffnet und drei Jahre später rollte auch die erste Traction Avant Limousine von Citroën durch Paris. Es war eine Zeit des unbeirrbaren Glaubens, dass die Technik in eine bessere Zukunft führen würde. Heute liegt beispielsweise der VW-Konzern in Scherben und die Technik des Landessenders wurde verschrottet. Es wird sogar gemunkelt, dass Teile davon durch die Vermittlung von Adolf Ogi nach Nordkorea verkauft wurden. Doch das ist, wie vieles was wir bei der Führung durch das Landessendergebäude gehört haben, eine gute Geschichte, von der man nie richtig weiss, ob sie wahr ist.

Kunst mit Isolierband

Diese dekorativen Tableaus von Niklaus Troxler wurden mit verschiedenfarbigen Isolierbändern hergestellt – vielleicht eine Anregung für kreative Tractionisten, wenn es in der Garage keine Arbeit mehr gibt.

Damit kommen wir zur aktuellen Nutzung der Sendergebäude. Heute residiert darin das KKLB (Kunst und Kultur im Landessender Beromünster). Wetz ist dessen Initiant, Leiter und Besitzer. Er könnte sein Brot statt mit Kunst ebenso gut als Stand-up Comedian verdienen. Seine Schilderung, wie er den Landessender für fünf Schweizerfranken erwerben konnte, aber auch sein Rückblick auf seine Jugend im Zilefeldlöchli hinter dem Napf lassen das Zwerchfell erschüttern. Entsprechend eloquent und humorvoll führt er durch die Kunstinstallationen, womit der Anlass auch für absolute Kunstbanausen zu einem unvergesslichen Erlebnis wird.

Strandgut

Die Tableaus von Ursula Stalder bestehen aus gesammeltem Strandgut. Dieses Exemplar wäre für Fr. 1500 zu kaufen, eine echte Alternative zur heimischen "Kafirahmdeckeli"-Sammlung.

Der Höhepunkt ist sicher eine Installation von Wetz, welche eine riesige Scheune völlig ausfüllt. Angeblich ist es eine Reminiszenz an das Zilefeldlöchli, also der Versuch, den Ort seiner Jugend auferstehen zu lassen. Schon für die vorhergehenden Ausstellungsräume hat er verschiedene Hoftiere ausstopfen lassen, so eine ausgewachsene Kuh, welche künstlich beatmet wird oder ein Schaf, welches irritierenderweise an der Decke steht. In der Scheune hat er einen ganzen Weiher eingebaut. Ganz abstrus wird es dann, wenn nicht nur die Hühner vom Zilefeldlöchli sondern Staubsauger oder Bohrmaschinen durch die Luft fliegen. Aber auch dazu gibt es wieder eine gute Geschichte, nämlich dass diese fliegenden Objekte gar nicht durch ihn, sondern durch seine etwas irre Grossmutter, konstruiert worden seien. Ein Ausschnitt aus der Performance zeigt ein Video am Schluss des Berichts.

beatmete Kuh

Die Kuh am Beatmungsgerät

Wer nun durch meine Schilderung etwas verwirrt ist, dem sei bestens empfohlen, doch selbst einmal nach Beromünster zu fahren, um in die skurrile Welt des Wetz einzutauchen. Alle teilnehmenden Tractionisten werden sicher gerne bestätigen, dass es sich lohnt.

Citroëm 15CV familiale
Dass unsere Fahrzeuge doch nicht ganz zu kurz kommen, erfolgte nach dem Kunstgenuss eine genussvolle Ausfahrt im Raum Hallwilersee, Baldeggersee und Lindenberg. In der Alpwirtschaft Horben wurde der Tag beim Mittagessen abgerundet und ausnahmsweise war an den Tischen mehr von Kunst als von Rost und Öl die Rede.

Weitere Bilder in der Galerie

100 Sekunden Video-Impressionen von der Ausfahrt Süd: