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Die Traction Avant 15-Six Familiale

Der Artikel über die Familiale von Karel Beukema toe Water hat Helge Torgersen zu einer Ergänzung motiviert:

Lieber Karel,

Danke für diesen sehr aufschlussreichen (und gleichzeitig sehr
persönlichen) Artikel!

Eine Ergänzung bezüglich Limousine (also nicht Berline ...): wenn ich mich recht erinnere, wurden die ersten Langversionen zeitgleich mit dem 11 Normale und dem 22 vorgestellt (es gibt da eine schöne Reklamezeichnung von einem virtuellen Schauraum mit der gesamten "gamme" einschließlich 22-V8; von letzterem gibt es auch ein Foto mit sechs Seitenfenstern, also wohl Familiale). Die Limousinen hatten, im Gegensatz zur Familiale, kein drittes hinteres Seitenfenster (aus Gründen der "Privatheit", man hat vermutlich auch nicht besonders gut hinausschauen können) und die hintere Sitzbank war (laut Olivier de Serres) auch bei den französischen Exemplaren etwas nach vorne gerückt und damit der Kofferraum größer.

Es gab diese Ausführung nur in ganz geringen Stückzahlen, von denen kaum eine überlebt haben dürfte; sie wurde auch bald wieder aufgegeben, ich glaube etwa mit dem Übergang zu den normalen hinteren Türen mit Radausschnitt. Die anfänglichen strukturellen Problemen scheinen noch gravierender als bei der Normale gewesen zu sein, so dass einige Nachbesserungen in der Karosseriestruktur erforderlich waren.

Weißt Du etwas über diese Unterschiede? Wie schaut es mit der Blechdicke im Bereich Windlauf aus? Dort hat der Six ja angeblich stärkeres Blech als der 11; vermutlich wohl auch die Familiale (die ja auch größere Reifen wie der Six hat)?

Helge Torgersen

 

Replik von Karel Beukema toe Water

Helge
Die Typenkunde bei den Tractions könnte noch viel komplizierter gemacht werden, als sie bereits ist.

Zum ersten wurde -tatsächlich- zugleich mit dem 11A eine sechs glasige Version in zwei Varianten vorgestellt: "Conduite Intérieure" 5 PL und "Familiale 9 PL (sic!). Etwas weiter (s. 117) beschreibt Olivier de Serres unter den Sechsgläsern "La Limousine ou Conduite Intériere". Da gibt es auch ein "Coupé Long cinq places ou Coupé Limousine". Letztes ist ein Fahrzeug mit langem Radstand und nur 4 seitlichen Fenster (das übrigens in ganz kleinen Stückzahlen nur zwischen 1934 und 1936 und nur als Vierzylinder verkauft wurde).  Da gab es nur in den Jahren 1934 und 1935 auch einen 11-er mit normalem Radstand, der als "Coupé trois places" verkauft wurde. Bei beiden Modelle war der Fahrersitz nach vorne angeordnet und in Form einer mit Kunstleder verkleideten fixierten Bank ausgeführt. Hinten der Fahrerbank gab es eine "Séparation Chauffeur", eine Blechwand mit einem Fenster, das sich mit Hilfe einer Kurbel öffnen ließ. Da gab es von 1934 bis 1936 auch Taxi Varianten (sowohl Familiale wie auch Limousine) mit sechs Gläser und langem Radstand, die ebenfalls eine "Séparation Chauffeur" und eine modifizierte Windscheibe hatten. Nach der Wiedererscheinung der Familiale in den 50-er Jahren war sie bekanntlich wegen derer Räumlichkeit und der Möglichkeit viel Gepäck auf dem Dachträger zu transportieren, in Paris als Taxi sehr beliebt. Séprations Chauffeur gab es meines Wissens zu der Zeit in den Taxis nicht mehr (nur in London, wo sich in diesem Bereich seit einem Jahrhundert fast nichts geändert hat!).

Die "Coupé" Bezeichnung deutet ein Fahrzeug an, wo die Fahrgäste hinten, separat vom Fahrer sitzen. Dieser Fahrer konnte entweder draußen -im günstigsten Fall von einem Verdeck gegen den Regen geschützt-, oder im Auto drinnen seinen möglichst knappen Arbeitsplatz haben. Die "Conduite Intérieure" (alle übliche Tractions außer dem Roadster sind ja Conduites Intérieures) weist hauptsächlich auf eine Verbesserung der (sozialen) Position des Fahrers hin, in dem Sinne, dass es ihm jetzt gestattet war, das Innenraum mit seinem Chef oder Chefin zu teilen. Es stellt auch klar, warum der Faux Cabriolet so einen merkwürdigen Namen bekommen hat: es war im obenerwähnten Sinne kein "Coupé". Eher hätte man im Vergleich zur Coupé die Rollen umdrehen können: der Fahrer drinnen (knapp war es nach wie vor) und die Fahrgäste draußen, im Dicky Seat, im vollen Fahrwind, ohne Verdeck!

Charles de Gaulle in  Traction Avant

Es ist übrigens merkwürdig, dass die lange Coupé Limousine Version nie in Form eines Sechszylinder angeboten wurde, auch nicht nach dem 2. Weltkrieg als der Six sich zum Dienstwagen für Minister und sonstige VIPs der 4. Und 5. Republik entwickelte. Da hätte ich mir schon die Präsidenten Coty oder De Gaulle in einem solchen Dienstfahrzeug vorstellen können. Charles de Gaulle war ja einen riesigen Mann, und das Ein- und Aussteigen muss für ihm bei einer Traction schon eine Aufgabe gewesen sein.

Herzliche Grüsse,