Radunno Flaminio Bertoni

Internationales Citroen-Treffen in Varese

11. - 12. Mai 2002
 
Jedem ernsthaften Tractionisten ist bekannt, dass André Citroen natürlich nicht der alleinige Schöpfer der Traction Avant ist. So ist André Levebrve für die revolutionäre Technik verantwortlich und Flaminio Bertoni schuf die atemberaubende Form des neuen Wagens. Dieser junge Designer stammte aus Varese und war eigentlich Künstler. Er schuf Grafiken und Skulpturen, eine Arbeit, die ihn jedoch nicht ernähren konnte. So stellte er sein Talent in den Dienst von André Citroen, wo er nebst der Traction auch die Formen des 2CV, der DS und des Ami 6 schuf.
Sein Sohn, Leonardo Bertoni, lebt heute in Varese und hat sich zum Ziel gesetzt, das Schaffen seines Vaters zu ehren. Zu diesem Zweck hat er ein "Radunno" organisiert. Der Höhepunkt bildete die Vernissage einer Ausstellung über den Künstler, verbunden mit einem internationalen Treffen für Citroen-Wagen aus der Feder seines Vaters. Ebenso präsentierte Bertoni sein Buch, welches das Werk seines Vaters würdigt. Der CTAC sandte eine Delegation nach Varese an dieses Ereignis an welchem Bernard Citroen, der Sohn des legendären Firmengründers, als Ehrengast erwartet wurde. Leider musste sich der betagte Bernard aus Gesundheitsgründen durch seinen Sohn, also einen Enkel von André Citroen, vertreten lassen.
Die Anfahrt

Die meisten Clubmitglieder trafen sich in Erstfeld, auch ein befreundeter Ami 8 Fahrer und DS-Piloten gesellten sich zum Tross. Leider wurde die weitere Fahrt bald zum Frust, lernten doch diese altehrwürdigen Fahrzeuge das moderne Verkehrschaos am Gotthard kennen. Trotz spärlichem Verkehrsaufkommen führte das Dosiersystem zu grossen Staus, welche an der Gotthardrampe diverse Wasserthermometer in den roten Bereich zwangen. Das älteste Fahrzeug - das Cabriolet des Präsidenten - blieb sogar stehen, hatten doch Luftblasen im Benzinsystem die Benzinpumpe unwirksam gemacht. Doch hier zeigte sich der wahre Könner. H.G. Koch sprang aus dem Auto, leerte eine Mineralwasserflasche in ein über die Pumpe gelegtes Tuch, was zur baldigen Abkühlung führte. Welcher moderne Fahrzeuglenker beherrschte wohl heute noch solche Tricks? Nach dem Bezwingen des Passes wurde auf Schweizer Seite nochmals halt gemacht um - wo nötig - Wasser in die Kühler nachzufüllen. Dann führte eine kurvenreiche Strasse von Ponte Tresa nach Varese, wo die Suche nach dem Hotel einem kleinen Orientierungslauf glich.



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Die Ausstellung

Zur Eröffnung der Ausstellung traf man sich in der Villa Recalcati, die zum Sitz der Provinzregierung von Varese gehört. Rings um das Gebäude präsentierten sich viele Citroens, die an ihren legendären Designer erinnern. Die Ausstellungsräume in inneren des Gebäudes zeigten in einem ersten Teil Beispiele des künstlerischen Schaffens von Bertoni. Der zweite Raum zog die Tractionisten offensichtlich stärker an. Hier waren Original-Entwürfe und Maquetten von Citroen-Wagen ausgestellt - die wie kleine Heiligtümer bestaunt wurde. Aufschlussreich war dabei nicht nur, wie Autoformen entstehen, sondern auch welche Wagen nie gebaut wurden. Dazu gehört die bekannte Foto, die Flaminio Bertoni bei der Arbeit an einem Traction-Plastilinmodell zeigt. Dieses Auto hätte ein nettes zweitüriges Coupé geben können, blieb aber wie viele andere Entwürfe ein Modell. Dass die Entstehung der ungewöhnlichen Form der DS ein langwieriger Prozess war, wird besonders schön dokumentiert.

Ein offizieller Festakt mit Vertretern der Stadt Varese eröffnete die Ausstellung. Ehrengast war - wie erwähnt - ein Enkel von André Citroen. Dessen Rede war leider kaum verständlich - ist es doch auch im Jahre 68 nach TA noch immer nicht selbstverständlich, dass eine Lautsprecheranlage funktioniert. Später war von ihm dann zu erfahren, dass seine im Jahre 1935 Konkurs gegangene Familie sich damals völlig aus der Autobranche zurückgezogen hatte und seitdem mit der berühmten Marke nur noch den Namen gemeinsam hat. Citroen selbst arbeitet heute in London und fährt - SAAB!! Er war aber sichtlich berührt, welche Verehrung dem Werk seines Vaters bis heute entgegengebracht wird und dass nur schon seine Unterschrift in das neue Buch von Bertoni für viele Citroen-Fans zu einer fast heiligen Zeremonie wurde.

Den Abend verbrachte man in einem netten Lokal - wo uns auch Leonardo Bertoni mit seiner Anwesenheit ehrte - und einmal mehr legendäre Tractiongeschichten die Runde machten.



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Der Corso
Die Italiener sind manchmal wirklich zu beneiden. Hinter dem Bahnhof von Varese findet sich ein Parkplatz, der so gross ist, dass nebst dem Citroen-Radunno ohne Probleme gleichzeitig auch noch ein Renault- und Peugeot-Treffen möglich gewesen wäre. In der Schweiz hingegen muss man sich glücklich wähnen, wenn man bei einem Bahnhof einen 10 Minuten Parkplatz zu Fr. 2.- ergattern kann! Der systematischen Aufstellung der Fahrzeuge stand also nichts im Wege, getrennt wurden Fraktionen von TA, 2CV und DS aufgereiht. Nur die wenigen Amis mussten bei den "Deuches" um Asylrecht bitten. Der Anblick all dieser Wagen war sehenswert und zog auch viele Vareser Passanten in den Bann. Allein 30 Tractions aus verschiedenen Ländern und in ganz unterschiedlichem Zustand waren versammelt. Es wurde wieder einmal deutlich, dass in der Schweiz offensichtlich mehr Geld für perfekte Restaurationen vorhanden ist, die Franzosen jedoch nicht minder stolz auf ihre Fahrzeuge sind, die ja eher so aussehen, wie sie damals auf den Strassen im Alltag rollten.
Als nächster Programmpunkt folgte die Fahrt durch die Stadt zur Villa Recalcati, wo es nochmals eine Gelegenheit gab, die ganze Bertoni-Palette zu studieren. Besonders interessant war ein sehr früher 2CV - welcher Sitzkomfort die damaligen "Campingstühle" wohl geboten haben? - aber auch Amis im Originalzustand, welche doch heute sehr rar sind. Daneben glänzten die Diven: DS-Cabriolets mit Spezialkarosserien, die wahrhaften Traumautos. Ungläubige Blicke erntete ein DS aus Neuenburg mit Chapron-Karosserie. Auch bei geöffneter Motorhaube fand sich kein Hinweis, dass dieses Fahrzeug bisher mehr als 20 km gefahren sein sollte. Alle Details sahen so neu aus, als wäre der Wagen erst letzte Woche vom Band gelaufen. Leider waren Details zu dieser Restaurierungsgeschichte nicht zu erhalten. Doch erweckte dieser Wagen einen Eindruck, wie die Fahrzeuge damals an den Salons oder im Showroom gewirkt haben müssen.


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Der Abschluss
Ein letztes Mal versammelte sich der Tross zu einem italienischen Mittagessen, welches folglich bis nach vier Uhr dauerte und viele Weitangereiste in leichten Zeitstress brachte. Bertoni verteilte verschieden Pokale, womit die schönsten oder weitangereistesten Fahrer geehrt wurden. Einer dieser Cups ging auch an unseren Präsidenten, brachte Hans Georg doch das älteste Fahrzeug an dieses unvergessliche Treffen.



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Für weitere Informationen über Flaminio Bertoni verweisen wir auf einen früher erschienen, speziellen Artikel: http://www.tractionavant.ch/bertoni_portrait.html