Dies gelesen - und das gedacht….Mann, was sind wir doch für Warmduscher!

In der "Aero International" vom November 2003 fand ich einen äusserst interessanten Beitrag zum Thema "80 Jahre Finnair". Das Unternehmen im Land der 60'000 Seen hatte im Sommer 1923 eine Junkers F13 bestellt und im März 1924 den Flugbetrieb aufgenommen. Im Sommer waren die Maschinen mit Schwimmern ausgestattet, im Winter wurden Skis montiert.

Ich möchte - und darf - hier nicht den ganzen Artikel zitieren - wen das Thema interessiert, dem empfehle ich die Lektüre sehr. Mir ist jedoch etwas ganz anderes durch den Kopf gegangen.
Wer einen genauen Blick auf das beiliegende Bild wirft - oder wer gute Kenntnisse über die alten Junkers-Flugzeuge hat - , der weiss, dass in der damaligen Zeit zwar die Passagiere in einer geschlossenen Kabine reisen konnten, die Piloten jedoch ein halboffenes Cockpit hatten. Die Flugzeugkonstrukteure waren damals der Meinung, die Piloten müssten die Nase in den Wind halten können, um mit den Gefahren der Fliegerei fertig zu werden… Indem man die Seitenscheiben wegliess, konnte man zudem äusserst effizient das Anlaufen oder Zufrieren derselben verhindern.
Die Junkers F13 erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h, das dreimotorige Nachfolgemodell G24 rund 200 km/h. Bei der F13 kann demnach von einer Reisegeschwindigkeit von ca. 130 km/h ausgegangen werden, während es bei der G24 150 oder 160 km/h gewesen sein dürften. Wer eine Vorstellung vom finnischen Winter hat und wer schon mal was vom "wind chill factor" gehört hat, kann sich ungefähr ausmalen, wie warm - oder besser, wie kalt - es für die Besatzung war.

Am 18. Oktober 2003 nahm ich mit meinem AC4 Torpedo am Veteranentreffen in Hilzingen (Deutschland, Nähe Singen) teil. Eine Fahrstrecke von nicht ganz einer Stunde waren zu bewältigen. Das Thermometer zeigte kühle 5 Grad an - Plus, wohlverstanden. Zwei Tage vorher hatte ich mit meiner Frau Agi noch bei 28 oder 30 Grad C am Strand von Malta an der Sonne gelegen.
Die Reisegeschwindigkeit meines AC4, der aus der gleichen Epoche stammt, wie die Junkers G24, liegt bei ca. 60 km/h. Wie die Junkers, hat auch mein AC4 keine Seitenscheiben…
Um ehrlich zu sein, ich bin beinahe erfroren. - Mann, was sind wir heute doch für Warmduscher!

Daniel Eberli


 

Vom Wasser in die Luft und in die weite Welt - 80 Jahre Finnair

In einem Land, das sich rühmt, über 60 000 Seen zu verfügen, konnte der Luftverkehr eigentlich nirgendwo sonst als auf dem Wasser seinen Anfang nehmen.

Schuld ist eigentlich Junkers. 1923 lieferte der deutsche Flugzeughersteller nämlich eine F 13 an die estnische Fluggesellschaft Aeronauta aus, die er kurz zuvor übernommen hatte. Deren Aktivitäten in Finnland wurden nach der Aufnahme von Flügen zwischen der estnischen Hauptstadt Tallinn (Reval) und Helsinki im gleichen Jahr von Bruno Otto Lucander, Generladirektor der Finland Spedition-Central Ab-Suomen Välityskeskus Oy, geleitet, auf welchen wiederum das Flugzeug offenbar so starken Eindruck machte, dass er beschloss, in seiner Heimat Finnland selbst eine Fluggesellschaft ins Leben zu rufen. Noch im Sommer 1923 war das Geschäft perfekt: Die Junkers Flugzeugwerke AG stellten das Flugzeug, die technische Unterstüzung sowie das Personal; im Gegenzug erhielt sie einen 50-prozentigen Anteil an der neuen, Aero O/Y genannten Fluggesellschaft, deren Gründung am 12. September jenes Jahres durch Unterschrift der Beteiligten erfolgte. Vier Wochen später wurde der Eintrag ins Handelsregister vorgenommen, am 1. November - seither offiziell der Jahrestag des Unternehmens - wurden die Geschäfte aufgenommen. Bis zum ersten Flug sollte es jedoch noch dauern, denn die erste F 13 wurde erst Mitte März des Folgejahres übernommen. Am 20. März wurde dann der Flugbetrieb mit der ersten Verbindung von Helsinki nach Tallinn, auf der 162 Kilogramm Post transportiert wurden, eröffnet.

 

Aus der Aero, Ausgabe November 2003

Anmerkung des Webmasters:
Vermutlich war das offene Cockpit nicht nur ein Zeichen von Männlichkeit sondern das kleinere von zwei Uebeln. Wer hat nicht schon in der Traction bei Nacht und Regen mit angelaufenen Scheiben gekämpft. Die Vorstellung, mit solcher Sicht gar zu fliegen und auch wieder sicher zu landen und das zu einer Zeit, wo der Instrumentenflug noch kein Begriff war, erklärt, dass Piloten gerne auf ein geschlossenes Cockpit verzichtet haben. Hier noch zwei Fotos, die den Komfort der Kabine und den exponierten Piloten zeigen:

Sicht von der Rückbank in die komfortabel Kabine mit Korbsesseln - mit dem Piloten kann durch ein Fensterchen Kontakt aufgenommen werden. Der Pilot in seiner Freiluftkanzel