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Citroen Traction Avant 7C, 1937 von Hubert Krome

Hubert Krome

Liebe Leser:

Wir sind noch absolute Greenhorns, haben mit „Réglisse“ (Lackritz) aber so gut wie alles durchgemacht, was man erleben kann. - Aber beginnen wir der Reihe nach. Meine frz. Frau und ich sind aus beruflichen Gründen ins Saarland gekommen. Immer schon hatte mich der Wunsch nach einem Oldtimer beschäftigt, und ich dachte, dass nach Besitz von 3 Ovali-Käfern (der letzte nach Angefahrenwerden mit Überschlag und Rutschen auf dem Faltdach über die Autobahn ohne jegliche Verletzung) diese Nervosität sich gelegt hätte.

Als ich mit meiner Frau aber aus Zufall auf einer Abbildung in einem Buch den Dienstwagenpark des Staatspräsidenten Charles de Gaulle und seiner Minister in Reih und Glied aufgereiht sah, war mir sofort bewusst, dass mein Körper noch immer keine Antikörper entwickelt hatte. Fortan arbeitete der Gedanke in mir Tag für Tag, denn ich erinnerte mich an kleinere Modelle, namentlich die schönen „mit dem Rädli“, die ich Anfang der 80er-Jahre über lange Zeit auf meinem Heimweg von der Sorbonne als Ruinen „dans leur jus“ vor der Citroën-TA-Garage Rialland in der route d’Asnières in F-92110 Clichy gesehen hatte und dann nach einiger Zeit fertig als restaurierte Perlen bewundern durfte.

Meine Frau erzählte mir von dem 403, der DS und schließlich der rosa Dösch ihrer Eltern, und was sie damit alles gemacht hatten. Jetzt war der Entschluß gefasst: es mußte wieder ein Oldtimer her, diesmal ein Franzose – und dann die beste aller Marken: eine Citroën Traction Avant – und zwar ein „Rädli“.

Im „Markt“ stieß ich auf das Inserat von Ersatzteile Schäfer – Louis und rief Herrn Louis einfach an, was er mir bei der Vorgehensweise zum Erwerb einer TA raten würde. Der Patenonkel meiner Frau, langjähriger Citroën-Angestellter mit Platinnadel, hatte uns bereits zu einem BL-Modell von unmittelbar nach dem Krieg geraten. - Der Anruf bei Herrn Louis war ein Volltreffer, denn er erklärte uns erst einmal den Unterschied zwischen 7, 11 und 15 bzw. zwischen a,b und c bzw. BL und BN. Und dann kam’s: Er hätte in seinem Museum zufällig eine 7C stehen, die er in Kommission verkaufen würde, ein „wahres Schätzchen“, das er als Fachmann mit der Note 2-3 bezeichnen würde. Der Wagen wäre für DM 80.000,-- mit entsprechenden Rechnungen von Fachfirmen vor 10 Jahren saniert und restauriert worden. Der Vorbesitzer hätte ihn als Geschäftswagen benutzt und wollte ihn aus persönlichen Gründen nun abstoßen. – Nach kurzer Zeit war ein Treffen mit dem Besitzer und Herrn Louis in Detmold vereinbart.

Da stand sie nun, Réglisse, allein auf dem großen Hof. Es war Liebe auf den ersten Blick: leuchtendes Chrom, ansonsten nur schwarz und eben diese bordeau-schwarz-chromfarbenen Felgen. Die erste Annäherung viel vor Aufregung ins Wasser: Wer behauptet, wir hätten den Wagen schalten können, der irrt sich. Nicht einen Gang schaffte ich einzulegen. Beeindruckt war ich als Beifahrer aber doch vom Anzug und bewunderte von der Rücksitzbank aus das Cockpit. Selbst als sie wieder neben der „Quince“, dem Roadstar, der Rosalie, der Dösch und der HY im Museum von Herrn Louis stand, versetzte uns jeder Blick auf Réglisse einen Stich ins Herz.

Nun galt es, handelseinig zu werden. Als sich Dr. Bertram aus Braunschweig, der Verkäufer, anerbot, uns bei der Überfahrt von Detmold ins Saarland (500 km) bei schönerem Wetter zu helfen, war das Eis gebrochen. Mit klopfendem Herzen fuhren wir heim. Die Formalitäten waren schnell erledigt. Beim saarländischen Innenministerium gab’s die Sondergenehmigung für ein gebogenes Nummernschild vorne. Herr Louis machte für mich noch eine große Inspektion und die TÜV-Verlängerung bei einer nahe gelegenen Fachwerkstätte, so dass der Überfahrt bei schönerem Wetter nun nichts mehr im Wege stand.

Vollbetankt und die Marseillaise auf den Lippen ging’s auf die Autobahn. Der schon vor langer Zeit gegen den Originalmotor ausgetauschte Perfo-Motor beschleunigte gut, das Geräusch war wunderbar. Nach 250 km machten wir Rast. Dr. Bertram wollte unbedingt den Abendzug aus dem Saarland nach Braunschweig noch erreichen, und so fuhr er nach kurzer Jungfernfahrt von mir weiter. Auf der Höhe von Kaiserslautern nebelte der Motor sich plötzlich ein. Qualm stieg aus den Kühlerhauben auf und drang durch die ausgestellte Fensterscheibe ins Wageninnere. Wir hielten sofort auf dem Standstreifen an. Dicker Qualm wurde aus dem Bereich der Ölpumpe nach außen gepresst. Aus dem Öleinfülldeckel dampfte es zudem stark auf. Jetzt war erste Hilfe angesagt: Ölnachgießen. Warten. Abkühlen lassen. Nerven behalten. Weiterfahren. Beschleunigen. Gucken, daß alle das Einscheren richtig wahrnehmen. Wir haben nur einen 6-Volt-Blinker an der C-Säule. Also bitte, Weitsicht meine anderen Verkehrsteilnehmer. – Alles gut gegangen – Huch … und sie fährt wieder … 110 km/h. Schnell vergessen. Wir fahren weiter auf der Autobahn.

Doch was ist das. Was für ein Knall, welch ein Zug. - Mein Gott, die linke Vordertür ist ja nicht mehr da, ganz auf, bei voller Fahrt auf der Autobahn, vollständig auf die hintere Tür und den Kotflügel gefaltet. Sie ist zum Glück noch da, hält noch im Scharnier und ist nicht einem folgenden Fahrzeug entgegengeflogen. Wie wenn beim Flug die Türe des Flugzeugs weggesprengt wird. Dr. Bertram nimmt die Situation sofort wahr, hält sich am Lenkrad, bremst wie wild ab und kommt unverletzt auf dem Standstreifen zu stehen. 50 km vor dem Ziel. Verloren auf der Autobahn. Die anderen zischen angsteinflößend an uns vorbei. Wir wissen nun, was eine „Selbstmördertür“ ist und warum sie in Folge nicht mehr gebaut wurden. – Der Motor kocht wieder. Es werden die letzten Tropfen Öl nachgegossen. Es reicht nicht. Die Türe lässt sich schließen, wenngleich verzogen. Der Wagen läuft, fährt auch, doch der Motor klopft und klopft. – Nur von der Autobahn runter, Landstraße und an der nächsten Tankstelle Öl, Öl und nochmals Öl. Doch das kam zu spät. –

Dr. Bertram nahm den Zug von Homburg/Saar, und wir klopften die letzten 30 km mit einer „Zitrone“ noch heim. Der ganze Wagen war ölverschmiert, und die kleinen Lachen wirkten auf dem Pflaster wie Blutflecken.

Hr. Diemer von Restauration klassischer Fahrzeuge Diemer & Dalheimer, Saarbrücken, sah sofort durch das Kühlerloch, dass die Kurbel unrund lief: Sein spontaner Verdacht: Pleuel-, vielleicht Hauptlagerschaden. Für mich war das Fachchinesisch, und als Réglisse auf dem Hänger weggefahren wurde, kam es mir vor, wie wenn ein Patient zur Herzklappen-OP weg geschoben wird. So war es dann auch: Instandsetzung der Grundbohrung der Hauptlager, Erneuerung der 4 Pleuels, Aufziehen der Kolben, Schleifen und Auswuchten der Kurbelwelle, Erneuerung der Haupt- und Pleuellagert, Ersetzen der Halbschalen usw. usw. Dazu die Karosserie- und erste Schönheitsarbeiten … Heute ist der Wagen 60% seines Kaufpreises mehr wert – und uns noch viel lieber und mehr ans Herz gewachsen. Wir haben doch schon alles erlebt und können jetzt noch einmal von vorne anfangen. Nur einen Rat können wir jetzt schon weitergeben: Immer die Türen und den Ölstand prüfen (obwohl der (in Nordafrika?) unsachgemäß reparierte Motor unabhängig von allem nunmehr zum Schaden führen musste (Aussage Hr. Diemer)).

Jetzt steht er wieder schöner da als zuvor. Über das große Loch auf dem Konto konnten wir uns mit der insgesamt 3. Ausfahrt hinwegtrösten. Noch nicht weit, bis jetzt höchstens 60 km über Landstraße, denn wir müssen immer noch die Grundangst überwinden, obwohl wir jetzt volles Vertrauen in dieses toll restaurierte Fahrzeug haben. Darum wagten wir leider auch den Weg nach Interlaken noch nicht. Es wird ein nächstes Mal geben. - Welch ein Schreck, als das Dampfen bei der ersten Fahrt nach der Motorreparatur wieder anfing. Doch dies war nur von ganz kurzer Dauer, bis Réglisse nun endlich bestens verdichtet. Endlich macht sie uns wieder Spaß, und dies von Tag zu Tag mehr. Nichts ist schöner, als wenn sich die Wolken auf den glänzenden Motorhauben und insbesondere auf den verchromten Scheinwerfern beim Fahren spiegeln.

Wir sind alle noch jung. Und Réglisse sehr rüstig. Auf ein langes gemeinsames Leben und stets gesundes Wiederkommen.

Später werden wir dann einmal mehr berichten, wenn wir über die Anfangstrauma nur noch lachen können. Vielleicht schaffen wir es im diesjährigen Urlaub noch bis nach Singen/Htwl., wo ich geboren bin, und zu Daniel Eberli nach Benken, oder dem Druckerkollegen Albert Schorta nach Derendingen oder Rudolf Weber nach Effretikon, denen wir allen viel für Ihren Rat und Bewertung (Internet macht’s möglich) vor Kauf zu danken haben. Und irgendwann lernen wir die 7er von Hrn. Radevan und Eheleuten Gustav Rauch in D – 66500 Hornbach (TA 7C 1937 mit Originalmotor und –getriebe) kennen.

Wenn wir an dieser Stelle einen Wunsch äußern dürften, dann denjenigen, dass mehr Bilder von Innenansichten und Cockpits eingeschickt und in der Galerie aufgenommen werden. Dies ist für Neueinsteiger bei fachgerechter Instandsetzung und richtigem Rückbau mehr wert als sämtliche Suche in der zeitgenössischen Fachliteratur. Schon jetzt herzlichen Dank hierfür.

Zum 2. Teil des Restaurierungsberichts