Der Franzose von der Insel
Heft 4/2000 auto-illustrierte
Rund 23 Jahre lang baute Citroën den revolution�ren Traction Avant - nur sechs Jahre lang auch als Roadster. Sogar in England lief dieser schmucke Franzose mit luxuri�sem Interieur vom Band. Ein Schweizer hat einen der letzten praktisch aus dem Nichts wieder aufgebaut.
VON ERNST RAMIC - Fotos: Christof Gonzenbach
Langgestreckt. Die schmalere L�g�re-Limousine bot die Basis f�r den "Light 15 Roadster". "Selbstm�rdert�ren" geh�rten auch beim offenen Typ zum guten Ton.
Wussten Sie, dass Citroën in Grossbritannien einst ein eigenes Werk hatte- Angetrieben durch die Expansionspl�ne des in den 20er Jahren �usserst erfolgreichen franz�sischen Automobilherstellers unter Leitung seines eigenwilligen Patrons Andr� Citroën wurde 1926 in Slough, nahe London, ein Citroën-Werk er�ffnet. Erfolgreich wurden in England sowie weiteren Werken ausserhalb Frankreichs Citroën-Automobile aus Baus�tzen gebaut, die vom Stammwerk Paris angeliefert wurden. Dies, um Einfuhrbeschr�nkungen elegant zu umgehen.
So auch jenes Modell, das Citroën 1934 erstmals pr�sentierte, und das als Meilenstein in die automobile Geschichtsschreibung eingehen sollte. Der in Firmentradition nach den franz�sischen Steuer-PS "7" genannte - im Volksmund als Traction Avant ber�hmt gewordene - neue Citroën hatte f�r seine Entwicklung fast die gesamten Firmen-Ressourcen beansprucht. Um das Auto mit der sichersten Strassenlage der Welt zu bauen, wie dies der Patron verlangt hatte, waren n�mlich einige Innovationen gefragt. Die wichtigste war die Verwendung des Vorderrad-Antriebs, ein damals noch verp�ntes, weil technisch schwierig umzusetzendes Antriebskonzept. Durch den fehlenden Kardantunnel und die selbsttragende Bauweise der Ganzstahl-Karosserie konnte der Schwerpunkt im Vergleich zur damals noch �blichen Rahmenbauweise recht tief gehalten werden.
Schmuck: Das schmale Heckfenster im Verdeck, die stilechte Schweizer Nummer und die Reserverad- abdeckung.
Einzelradaufh�ngung an der Vorderachse mit kompakt bauenden Drehfederst�ben, Zahnstangenlenkung und hydraulische Trommelbremsen vervollst�ndigten die aktive Fahrsicherheit - und waren zusammen mit der Entwicklung der neuen Vierzylinder-Motoren und des, im letzten Moment verworfenen, Automatik-Getriebes eine sehr kostspielige Sache. In der Folge musste Andr� Citroën sein einst erfolgreiches Unternehmen noch im selben Jahr verkaufen. 1935 verstarb er 58j�hrig. Das Auto wurde aber trotz aller Anlaufschwierigkeiten weltweit zum Erfolg. Bis 1957 wurden 759111 Traction Avant gebaut, mit schmaler und breiter Karosserie, mit Vier- und Sechszylinder-Motoren. Rund 26400 St�ck kamen aus Slough, bis zum Krieg auch das Faux Cabriolet (Coup�) und der Roadster mit Schwiegermutter-Sitz.

Exakt von so einem tr�umte der Citroën- und Traction-Avant-Enthusiast Walter Rey schon lange. Seit 1973 hatte der Hallauer schon einige "Gangster-Limousinen" in Schuss gebracht, bevor er 1984 anl�sslich eines Treffens in England einen "Light 15 Roadster" aus englischer Produktion auf Fotos entdeckte.
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Britische Eigenart: gerade Stossstange - franz�sische Versionen hatten sie erst nach dem Krieg. Zeitgen�ssisch: Zusatzleuchten und -h�rner
Die 15 in der Bezeichnung steht f�r den in Frankreich als 11 bekannten 1,9 Liter-Vierzylinder. Nach dem englischen System wurde dieser Vierzylinder auf der Insel mit 15 Steuer-PS taxiert. Nach z�hen Verhandlungen durfte Rey dann 1985 einen der letzten in England gebauten Roadster mit Jahrgang '40 - oder was noch davon �brig war - inspizieren. 2500 Pfund forderte der damalige Besitzer f�r die fast vollkommen verfallene Karosserie und eine Kiste Kleinteile. Der Antriebsstrang des in England als 11 CL4 bezeichneten offenen Typs fehlte - eine Ruine also. Nur vier St�ck hatten bis dato �berlebt, die genaue Anzahl der in Slough gebauten Roadster konnte nicht mehr rekonstruiert werden. Also fasste Rey allen Mut, handelte den Preis auf 1500 Pfund runter und liess die Karosserie gleich in England wieder aufbauen.
Edler: In England waren Holz und Leder Standard, in Paris gebaute Roadster waren spartanischer ausgestattet. Mit dem R�ndelrad l�sst sich die Windschutzscheibe unten einen Spalt weit �ffnen.

Technische Daten

Motor
4 Zylinder in Reihe, vorne l�ngs, Hubraum 1911 cm3, Bohrung x Hub = 78 x 100 mm, Verdichtung 6,2: 1, Leistung 54 PS bei 3800/min, Drehmoment 118 Nm bei 2000/min. Zylinderkopf und -block aus Grauguss, 1 seitl. Nockenwelle, 2 h�ngende Ventile je Zylinder, Doppelvergoser (ACE).


Kraft�bertragung
Vorderradantrieb, 4-Gang-Getriebe (nochger�stet, REDA), 3. und 4. Gang synchronisiert, 1000/min im 4. Gang = 32,4 km/h.

Fahrwerk
Vorne Einzelradaufh�ngung an Dreieckquerlenkern, hinten Starrachse an L�ngslenkern, v/h Drehstabfedern, Teleskopd�mpfer. Bremsen: rundum Trommeln, hydraulisch (Lockheed). Lenkung: Zahnstange, Wendekreis 12,2 m. R�der: Speichen (Robergel), Reifen 165x400.

Karosserie
selbsttragend, 2 T�ren, 4 Pl�tze, L 427 cm, B: 167 cm, H: ca. 140 cm, Radst.: 291 cm, Spur v./h. 137/135 cm, Tank 45 l, Gew. 1150 kg, Zul. 350 kg.

Fahrleistungen
0 bis 96 km/h ("The Autocar") ca. 35 s H�chstgeschwindigkeit 120 km/h Marktwert* (Zust. 1 ) Fr. 65 000
Preis Mai 1940 (GB) � 289
*gem�ss Eurotax InterClassic

1987 wurde das Auto in die Schweiz gebracht und mit einigem Aufwand und in unz�hligen Stunden Eigenarbeit in den Zustand versetzt, in dem er sich heute befindet. Neben einigen Modifikationen mit Originalzubeh�r (Doppelvergaser statt Einfachanlage, Vier- statt Dreiganggetriebe, Speichenr�der) gl�nzt der offene Vorkriegs-Franzose von der Insel mit Vollederausstattung, 12-Volt-Lucas-Stromanlage und einem Holzarmaturenbrett, wie dies exklusiv f�r den englischen Markt �blich war. Selbst nach 60 Jahren bereitet die Rarit�t Fahrspass und f�hrt sich wie deutlich j�ngere Cabrios. Die extravagante Linie heimst noch heute bewundernde Blicke ein. Begeistert- Walter Rey (052/6814134) hilft gerne beim Suchen.
Teuer Entwicklung. Der Vierzylinder mit den h�ngenden Ventilen war eine teure Neuentwicklung, hier mit 1,9 Liter Hubraum (11 CV) und respektablen 54 PS.
Seitenhalt- Der war zu jener Zeit kein Thema, Leder aber um so mehr.

 

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