Citroën 11BL Roadster 1939
Rudolf Weber, Effretikon

 

 
 

 

Der Neue ist der Ältere! 1939 - 1955

Am 8. Juni 2006 klingelte bei mir das Telefon. Es war Hans Georg Koch - unser Clubheftredaktor - der ohne lange Vorrede fragte, ob ich einen Roadster möchte. Es gäbe da eine gute Gelegenheit. Ich brauchte einige Sekunden um die mir verschlagene Sprache wieder zu finden aber ich sagte ohne zu überlegen, dass ich auf jeden Fall interessiert sei. Nun - Hans Georg sass zu diesem Zeitpunkt mit Edgar Stocker, Leiter OK für das 30-Jahr Jubiläum des CTAC - zusammen. Edgar hatte nur Minuten zuvor ebenfalls einen Telefonanruf erhalten. Der Gesprächspartner war ein in der Zwischenzeit pensionierter Citroënmechaniker welcher im Auftrag eines Mandanten einen Käufer für einen Roadster suchte und wusste, dass Edgar doch in so einem Traction Club sei, wo es sicher Interessenten gäbe. Und ob!

Umgehend wähle ich die Nummer dieses alten Mechanikers. Dieser erklärte mir, dass er jahrelang den Service an einem Citroën-Roadster durchgeführt habe und nun dessen Besitzer gestorben sei. Die Witwe habe sich deshalb an ihn, zur Unterstützung beim Verkauf gewandt. Er gab mir gleich deren Nummer. Nach nur wenige Minuten hatte ich auch die Witwe am Apparat - ja ich sei bei ihr richtig, nein das Auto gehöre nicht ihr sondern sei von ihrem Mann an ihren Sohn vererbt worden, welcher aber kein Interesse daran habe.

Ich versuchte meine Stimme unter Kontrolle zu halten, damit die Witwe nicht merkte, wie aufgeregt ich war. Ob es weitere Interessenten gäbe, wollte ich wissen. Nein - sie habe den ehemaligen Mechaniker ihres Mannes, welcher das Fahrzeuge immer gewartet habe, angerufen, da sie ja nicht wisse, wie man ein solches Auto verkaufe. Ohne das Auto gesehen zu haben und ohne Details zu wisse (der Frau konnte ich natürlich keine technischen Fragen stellen) signalisierte ich höchstes Interesse und liess mir das Versprechen geben, noch keine weiteren Verkaufsschritte zu unternehmen, bevor ich den Wagen gesehen hätte. Sie wolle das Auto nur einem echten Liebhaber verkaufen, nicht so einem Händlertypen, der es weiter verschachere. Ihr Mann hätte eine solche Freude am Fahrzeug gehabt. Und der neue Besitzer müsse es zu würdigen wissen. "Ja - diesen Anforderungen entspreche ich", war meine Entgegnung - "ich besitze seit 34 Jahren eine Tracton-Limousine und bin auch in einem entsprechenden Veteranenclub". Das Auto wolle ich zum Fahren und auch meine Kinder würden ihre Freude daran haben.

Damit war die Verkäuferin überzeugt und versprach, meinen Besuch abzuwarten. Dieser liess sich aber nicht so leicht bewerkstelligen. Zwar stand das Fahrzeug in Luzern und nicht in Paris, aber am 9. Juni würde das CTAC-Jubliäum beginnen, an dem ich mich in die Helferliste eingetragen hatte. Das Jubiläurm würde bis am 11. Juni am Abend gehen und tags darauf würde mein Zug (gemäss gebuchtem Ticket) nach Italien abfahren, wo eine Wanderwoche in der Cinque Terre geplant war. Würde die Witwe solange warten? Würde sich die kleine Sensation herumsprechen? Würden Käufer wie die Geier in Luzern einfallen und die Witwe bearbeiten?

Diese Befürchtung schien sich zu bestätigen, als mich am nächsten Tag Albi Schorta in Ruswil ansprach mit dem vertraulichen Hinweis, er wüsste von einem Cabriolet im Luzernischen. Scheinbar war das Geheimnis gar keines und wer weiss, vielleicht läuteten schon die ersten an der Hausglocke der Witwe. Albi konnte mich aber beruhigen. Er selbst habe kein Interesse am Fahrzeug, hätte aber sofort an mich gedacht. Er hatte die Information aus der selben Quelle und hatte sonst niemanden eingeweiht. Trotzdem hätte ich am liebst die Ferien verschoben, um am Montag nach Luzern zu fahren. Doch wie hätte wohl meine Gattin reagiert? In diesem Dilema durfte ich erleben, was echte Traction-Kameraden sind. Albi Schorta anerbot sich spontan, an meiner Stelle das Auto zu inspizieren und wenn möglich gleich den Deal zu fixieren. Erleichtert konnte ich somit nächsten Montag nch Italien fahren.

Wir schreiben den 14. Juni. Nach einer herrlichen Wanderung treffen wir in Vernazza ein, wo eine schattige Laube, hoch über dem Meer zu einer Erfrischung lädt. Leicht ermüdet aber gut gelaunt geniessen wir die Abendstimmung. Da läutet plötzlich mein Mobiltelefon. Hoffentlich ist es nicht das Geschäft, denke ich, ich habe doch Ferien. Nein - es ist Albi Schorta, er stehe neben dem Auto. Grosse Aufregung! "Und" - frage ich? "Ich denke, man sollte es kaufen", meint er. Seine kurze Aussage genügt mir vollkommen. "Dann sage der Frau, es sei gekauft". Nicht mal die Farbe wollte ich wissen, die ist in einem solchen Moment völlig nebensächlich. Nur sicher sein, dass mir dieses Angebot nicht entwischt.

Albi ist wirklich ein Glücksfall. Einerseits könnte ich mir keinen besseren Experten vorstellen, andererseits versteht er es mit seinem Charme, die Verkäuferin für sich zu gewinnen. Er betont, dass sie mit mir einen Käufer gefunden habe, der sicher ganz im Sinne ihres Mannes gewesen sei. Die Frau lässt sich überzeugen. Nicht mal die angebotene Anzahlung will sie entgegennehmen. Nein - sie warte bis ich das Auto gesehen habe, es sei mir aber fest versprochen.

Dass ich diesen Abend hoch über dem Meer in Hochstimmung verbracht habe, ist wohl klar. Mit einem lokalen Weisswein, stossen wir auf das neue Auto an. Auch die Freude meiner Gattin ist gross, hat doch auch sie an manchen Sommertagen bedauert, dass bei unserer Limousine nicht einfach das Dach entfernt werden kann.

Eine Woche später. Mein Sohn und ich treffen Albi Schorta am Bahnhof von Luzern. Er fährt mit uns durch die Altstadt, dann durch ein Tor der berühmten Stadtmauer um unmittelbar links abzuzweigen. Ein altes Patrizierhaus steht vor uns. Die Zufahrt ist mit einem schmiedeisernen Gitter versperrt. Dahinter erstreckt sich ein feingeharkter Kiesvorplatz. Eine ältere elegante Dame begrüsst uns herzlich. Auch ihr Sohn ist zur Stelle. Hinter dem Haus befindet sich eine ehemalige Kutschenremise, welche in eine Garage umfunktioniert wurde. Die Spannung steigt. Gleich würde ich vor dem Objekt meiner Begierde stehen. Doch noch war es nicht soweit. Der elektrische Garagentoröffner wollte einfach nicht funktionieren. Alles drücken nützte nichts. Wie sollten wir in kurzer Zeit einen Schlüsselservice auftreiben? Werden wir unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren?

Nicht verzagen, Albi fragen! Mit einem Hebel greift er unter das Garagentor, hebt dieses so viel an, dass das Schloss aushängt, und kann - bevor der Antriebsmotor blockiert - das Tor ein wenig öffnen. Dies reicht, dass mein Sohn untendurch schlüpfen kann. Einen Moment ist es ruhig, dann tönt aus der Garage ein dumpf ein "Wow". "Nun mach schon auf", bitte ich ihn. Von innen bedient er das Garagentor, welches sich nun endlich öffnet. Und hier stand er - ein schwimmbadblauer Roadster - äusserlich völlig intakt, wenn auch der Lack etwas stumpf geworden war und diverse kleinere Beulen oder Kratzer aufwies. Fasziniert umkreiste ich das rare Fahrzeug - nichts fehlte und ein Blick unter den Wagen zeigte einen soliden Boden, gründlich mit Rostschutzmittel behandelt. Würden wir aber den Motor zum Leben erwecken können? Ohne Zeit zu verlieren installieren wir eine von Albi Schorta mitgebrachte Autobatterie, füllen einige Liter Benzin ein und geben den Reifen den notwendigen Luftdruck. Der Ölmessstab zeigt ein befriedigendes Niveau und so steht einem Startversuch nichts mehr im Wege.
Wow - hier steht er - neben einem ebenfalls betagten Solex

Zum Glück war die Batterie kräftig geladen, denn es braucht einiges Orgeln bis dann der Motor ansprang. Ein relativ sportlicher Klang fasziniert meinen Sohn und gibt mir einen Hinweis, dass der Auspuff vermutlich ein Leck aufweist. In der Zwischenzeit hatten wir auch das Verdeck gefaltet - über Luzern wölbt sich ein tiefblauer Himmer bei ca. 30 Grad Lufttemparatur.

Nun folgt der Roll-out was bei mir sicher die selbe Faszination auslöst, wie bei den Airbus Ingenieuren, als sie die A 380 erstmals aus dem Hangar zogen. Kaltblütig schlägt Albi vor, wir sollten das Fahrzeug doch gleich mit eigener Kraft in unsere zürcherische Heimat überführen. Sicherheitshalber wolle er aber hinterher fahren (und natürlich seine Garagennummer wieder nach Hause nehmen).

Mir ist etwas unwohl zumute. Wie lange das Fahrzeug gestanden hatte, war mir nicht ganz klar. Da der Besitzer mit 96 Jahren gestorben war, ist wohl kaum anzunehmen, dass er es bis in dieses Alter benutzt hat. Im Handschuhfach befand sich noch sein Bordbuch, wo die Eintragungen bis 1989 gehen. Das war vor 17 Jahren! Leider wusste auch die Witwe nicht so genau, bis wann das Auto benutzt worden war. Der Fahrzeugausweis dokumentiert allerdings, dass der Roadster 1996 nochmals vorgeführt worden ist. Trotzdem dürfte er ein längere Standzeit hinter sich haben es müsste eigentlich mit Standschäden gerechnet werden.

Überraschenderweise verläuft die Fahrt völlig problemlos. Erstmals dürfen wir das befreiende Gefühl des offenen Fahrens erleben und dies gleich bei solchem Kaiserwetter. Der Weg führt uns über den Albispass, wo wir uns eine Erfrischung gönnen. Die Steigung des Passes und die hohe Temperatur machen dem Motor zu schaffen. Auf dem Parkplatz kocht er über und eine braune Brühe ergiesst sich auf den Asphalt. Da mir solches mit meiner Limousine nie passiert ist, rechne ich nun doch mit einem Problem.

Roll-out, zum ersten mal seit einigen Jahren.
Dieses ist nach öffnen der Motorhaube auch gut sichtbar. Der Vorbesitzer hatte als Zubehör einen Thermostaten in den Kühlerschlauch einbauen lassen, welcher bei Kälte den Kühlkreislauf unterbricht. Da der Schlauch etwas lang geraten war, knickte er mit der Zeit ein. Somit war der Wasserdurchfluss einerseits durch den Knick und andererseits - auch durch den offenen - Termostaten behindert, was zur Ueberhitzung führte.

Dies blieb aber die einzige Panne auf dem Heimweg. Zu Hause habe ich den Auspufftopf ersetzt, da dieser doch einige Löcher aufwies, und einen neuen Kühlwasserschlauch - diesmal ohne Termostaten - eingesetzt. Sicherheitshalber habe ich auch einen Ölwechsel vorgenommen. In der Zwischenzeit hat dieser tolle Roadster schon knapp 3000 km zurückgelegt und uns nie im Stich gelassen. Zwar war das Auto kein Scheunenfund - Wunder gibt es aber trotzdem noch!

Ja - und übrigens, noch ein Wort zu der interessanten Farbe. Mein erster Gedanke, als ich die Garage in Luzern betrat, war nämlich - ich muss es gestehen - dass dieses Auto sofort umgespritzt werden muss. Diese Farbe ist einfach unmöglich. In der Zwischenzeit ist der Wagen viel herumgekommen und ich habe eine interessante Beobachtung gemacht. Grundsätzlich bewundern die Männer den Roadster um nach einem kleinen Räuspern aber dann zu fragen, ob diese Farbe original sei. Ich antworte jeweils, das sei eben das berühmte Bugatti blau obwohl ich annehme, dass die Farbe von einem Schwimmbadzubehörladen stammt.

Auf dem Albispass kochte der Kühler - Alib Schorta und mein Sohn
Auch Frauen bewundern das Auto grundsätzlich, um dann - ganz ohne Räuspern - zu sagen - vor allem die Farbe sei so wunderschön. Nun - in unserem Haushalt sind wir zwei Männer und vier Frauen. Die Farbe also bleibt - mindestens vorläufig...
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Meine 11B 1955 Limousine